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Angst bei Hunden: Streicheln beruhigt – oder?

 

Gerade jetzt, kurz vor Silvester, liest man es häufig: Niemals dürfe man ein Tier trösten bzw. sich ihm zuwenden, wenn es Angst hat, denn das würde das Tier nur in seiner Angst bestärken. Die Meinungen hierzu gehen auseinander.

Man kann grob zwei Lager unterscheiden:

  • Streicheln bzw. positive Zuwendung verstärkt die Angst des Hundes.
  • Streicheln bzw. positive Zuwendung wirkt beruhigend auf den Hund.

Zwei Lager, zwei Meinungen und eine Menge Argumente:

Lager No. 1: Streicheln als Angst-Booster?!

Egal wann, wie und wo ein Hund ängstlich reagiert, ist die Mehrheit der Leute schnell mit einer Empfehlung bei der Hand: den Hund ignorieren und keinesfalls trösten. Also: Pfoten weg! Denn: Trösten würde dem Tier zeigen, dass seine Angst berechtigt ist. In der Folge – so die Meinung – würde er das Verhalten häufiger zeigen. Er hat gelernt, dass es das richtige Verhalten in dieser Situation ist. Und genau das wollen wir ja schließlich nicht. Niemand möchte, dass sich die Angst seines Lieblings mit jedem Streichler stärker einpflanzt.

Pfoten weg: den Hund ignorieren und keinesfalls trösten.

 

Mit jedem Streicheln pflanzt sich die Angst ein…

Diese Sichtweise geht u.a. auf B. F. Skinner, den US-amerikanischen Psychologen und prominentesten Vertreter des Behaviorismus, zurück. Demnach verstärkt die Berührung, die als positiv empfunden wird, das in unserem Fall eigentlich unerwünschte Verhalten (Angst, Panik, Unsicherheit). D.h., das Streicheln wirkt wie eine Belohnung und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass unser Hund zukünftig immer wieder Angst zeigt – denn ihm winkt ja schließlich eine Belohnung. Nach dieser Reiz-Reaktions-Theorie würden die Beruhigungsversuche ängstliche Hunde noch ängstlicher machen.

Streicheln verstärkt Angst beim Hund

Streicheln verstärke die Angst des Hundes, so die Experten alter Schule.

Ein Beispiel: Euer Hund hört das Feuerwerk und kommt ängstlich zu euch gelaufen. Ihr streichelt ihn, um ihn zu „trösten“. Der Effekt laut Skinner & Co.: Ratzi-Fatzi hat euer Hund eine wichtige Lektion gelernt: Jedes Mal, wenn er Feuerwerks-Lärm hört, ist das ein Zeichen für ihn, Angst zu bekommen und zu euch zu laufen. Er spult das erlernte Programm ab. Schließlich wartet eine Belohnung in Form von Streicheleinheiten oder Leckerlis auf ihn – wer kann da schon widerstehen. Laut Lerntheorie hat das Streicheln seinen Dienst getan und das Angstverhalten zementiert. Daher raten so viele Experten davon ab, einen ängstlichen Hund zu streicheln.

Das Streicheln zementiert die Angst. Es wirkt als Belohnung…

 

Schwierig….doch nun zur zweiten Position, die mir – ich muss gestehen – eher einleuchtet…

Lager No. 2: Den Stress weg streicheln – und damit sozial agieren

Ängstliches Verhalten wird NICHT durch beruhigendes Ansprechen, Streicheln und Füttern des Hundes verstärkt, so Lager No. 2, zu dem u.a. Dr. Ute Blaschke-Berthold, Dipl. Biologin, Hunde-Trainerin und Verhaltenstherapeutin, sowie Patricia McConnell, die amerikanische Hundeexpertin und bekannte Buchautorin, zu zählen sind.

Mit Streicheln signalisiert ihr eurem Hund, dass ihr für ihn da seid!

 

Laut dieser beiden Expertinnen signalisiert ihr eurem Hund durch Zuwendung und Füttern, dass ihr für ihn da seid. Euer Hund hat sogar die Möglichkeit den angsteinflößenden Reiz (beispielsweise das Feuerwerk – Silvester naht…) mit etwas Angenehmen zu verbinden. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, die klinisch sterile Reiz-und-Reaktions-Perspektive von oben über Bord zu werfen und euren Hund als Teil eines sozialen Gefüges zu betrachten, oder? Schauen wir, was die Verhaltensbiologen dazu sagen:

Social Support bei Hunden

Zuneigung hilft, beängstigende Situationen besser zu überstehen.

Ignorieren wäre höchst unsozial

In der Verhaltensbiologie spricht man von Social Support. Experten haben nachgewiesen, dass sich Gruppenmitglieder in stressenden Situationen durch körperliche Nähe und Zuwendung gegenseitig helfen – und nicht ignorieren, was höchst unsozial wäre. Und das hat entwicklungsbiologisch einen guten Grund: Körperliche Nähe und Zuwendung senkt Blutdruck, Herzfrequenz und reduziert Stresshormone. Es hilft, beängstigende Situationen besser zu bewältigen.

Social Support: Gruppenmitglieder helfen sich in stressenden Situationen durch körperliche Nähe und Zuwendung.

 

Dr. Ute Blaschke-Berthold ist sich sicher, dass sich dieses sozio-positive Verhalten im Verlauf der Entwicklungsgeschichte nicht hätte halten können, wenn Zuwendung bzw. Social Support Ängste verstärken würde. Keine Gruppe kann es brauchen, dass ihre Mitglieder immer ängstlicher werden.

Angst gegen Belohnung? …ein schlechter Tausch

Patricia McConnell führt noch ein weiteres Argument gegen die Sichtweise von Lager No.1 ins Feld: Ihr könnt euren Hund gar nicht so viel streicheln, als dass er dafür das Gefühl der Panik in Kauf nähme. Angst zu haben ist für eure Hunde genauso unangenehm wie für euch.

Angst zu haben ist für eure Hunde genauso unangenehm wie für euch.

 

Hierzu habe ich euch ein gutes Beispiel aus dem Buch “Trafen sich zwei – Betrachtungen über Menschen und Hunde” von Patricia McConnell herausgezogen:

„Nehmen wir an, Sie essen gerade ein Eis, als um Mitternacht jemand in Ihr Haus einzubrechen versucht. Würde das Vergnügen des Eisessens Sie darin “bestärken”, Angst zu haben, so dass Sie beim nächsten Mal noch mehr Angst hätten? Wenn überhaupt, würde es höchstens umgekehrt funktionieren – Sie könnten eine unbewusste Abneigung gegenüber Eiscreme entwickeln. Eins aber ist so sicher wie das Amen in der Kirche: Sie würden bei der künftigen Begegnung mit einem Einbrecher nicht deshalb mehr Angst haben, weil Sie beim ersten Mal, als es passierte, gerade einen Schokoeisbecher verputzten.“

 

Einen ausführlichen Artikel zum Thema von Patricia McConnell findet ihr hier.

Mein Fazit

Ich halte mich an Astrid Lindgren:

„Man kann in Tiere nichts hineinprügeln, aber man kann manches aus ihnen herausstreicheln.“

Welche Position vertretet ihr?

 

Bilder: Clipdealer

Ein weiterer sehr interessanter Beitrag zum Thema Stress bei Hunden..

Stress bei Hunden: Auslöser, Symptome sowie Gegenmaßnahmen

 

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Neele
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Kategorie: Beziehung, Gesund & Fit, Hund & Mensch, Verhalten

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Hi, ich bin Neele, #Hundenärrin, #Hundemama, #Hundehaarmagnet, #Bücherwurm, #Textmaniac. Auf diesem Hundeblog schreibe ich über das Leben mit Hund. Im Hundeblog findet ihr Trends, Lustiges, Ernstes, Absurdes, Wissenswertes. Ich sage nur: Let the dogs rock the world!

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