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Bloß kein Hund aus dem Auslandstierschutz!

Auslandstierschutz

 

Immer wieder höre oder lese ich, Hunde aus dem Auslandstierschutz würden nur Probleme machen, sie wären psychisch kaputt, nicht sozialisiert und würden sich nicht in einen normalen Familienalltag integrieren lassen. Auch würden die vermittelnden Organisationen Krankheiten oder Verletzungen sowieso verschweigen, um soviel Tiere wie möglich zu vermitteln. Überhaupt, wenn ein Hund aus dem Tierschutz, dann bitte einer aus einem deutschen Tierheim.

Von Gastautor Christoph Detmer

 

Tomaten aus Holland, der Hund aus Deutschland

Dazu zwei grundsätzliche Dinge. DEN Hund aus dem Auslandstierschutz gibt es nicht. Auch wenn es vielleicht für die Argumentation einfacher ist zu pauschalisieren, es ist falsch. Darauf werde ich aber noch eingehen. Wer mit dem Gedanken spielt einen Hund zu adoptieren, sollte nicht auf Landesgrenzen achten, sondern den Hund als Individuum betrachten. Das Auto vielleicht aus Frankreich oder Schweden, das geliebte Handy aus China und die Tomaten aus Holland, nur der Hund muss aus Deutschland kommen? Das verstehe wer will, ich jedenfalls nicht.

Nicht nur Straßenhunde

Sind die Hunde aus dem Auslandstierschutz denn nun tatsächlich psychisch kaputt? Machen sie nur Probleme? Um diese und ähnliche Fragen zu beantworten, sollte man einen Blick darauf werfen, wie diese Hunde gelebt haben bzw. noch leben. Es kommen nicht nur Hunde nach Deutschland, die ihr Leben lang als Straßenhund unterwegs waren. Es gibt auch Tiere, die von ihren Menschen bei einer Tierschutzorganisation abgegeben oder leider auch einfach über den Zaun eines Tierheims geworfen wurden. Oft haben sie mehrere Jahre in einer Familie gelebt, sind aber zu groß, zu teuer oder einfach nur lästig geworden. Warum sollten sie psychisch kaputt sein oder sich nicht in einen Familienalltag integrieren (lassen)?

Kein Hund nach DIN-Norm

Okay, dann sind die Vierbeiner mit der kaputten Psyche bestimmt die Straßenhunde. Jetzt wird es schwierig. Gibt es den typischen, den Standard-Straßenhund nach DIN-Norm? Nein, auch den gibt es so eng begrenzt nicht. Da haben wir z.B. den Straßenhund in einer Touristenregion. Er streift herum, gerne in der Nähe der großen Hotels. Er hat gelernt, dort gibt es immer wieder freundliche Menschen, die das Frühstücksbuffet geplündert haben und der zutraulichen Fellnase ein paar Scheiben Wurst geben. Dann gibt es auch noch die Straßenhunde, die in eher ländlichen Gebieten leben. Sie haben es mit der Nahrungsbeschaffung meist wesentlich schwerer und oft leben sie auch gefährlicher. Nicht überall werden sie akzeptiert. Wenn sie Glück haben, werden sie einfach nur verscheucht, sie dienen aber auch als Zielscheibe für Steine werfende „sozialisierte“ Menschen und es gibt sogar nicht wenige Exemplare der Gattung „Homo sapiens“, die es ausgesprochen amüsant finden, Straßenhunde mit ihren Autos von der Straße zu jagen bzw. sie gezielt zu überfahren. Eines haben jedoch alle Straßenhunde gemeinsam: Sie müssen ihre eigenen Entscheidungen treffen und selbst sehen, wie sie überleben, mal ganz auf sich alleine gestellt, mal in einem lockeren Verband mit ein paar Artgenossen. Dabei müssen sie auch lernen, Gefahren zu erkennen, sie einzuschätzen und ihnen auszuweichen oder sich ihnen zu stellen. Je nachdem wie knapp die Nahrungsressourcen sind, müssen sie sich gegenüber Konkurrenten durchsetzen, wenn sie überleben wollen, notfalls mit den Zähnen. Auch spielt es eine Rolle, was ein Hund erlebt hat bevor er auf der Straße gelandet ist, und ob er eventuell schon als Straßenhund geboren worden ist.

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Telmo. Foto: Christoph Detmer

Dem Unbekannten vertrauen?

Stellt euch jetzt vor, einer dieser Hunde zieht bei euch ein. Auf einmal trifft er nicht mehr wie bisher seine eigenen Entscheidungen, ein Mensch sagt ihm plötzlich wo es lang geht. Vielleicht hatte er in seinem Herkunftsland schlechte Erfahrungen mit diesen komischen Wesen gemacht, hat von seinem ehemaligem Herrchen, einem Jäger z. B., Prügel statt Fressen bekommen. Jetzt soll er sich so mir nichts dir nichts einem Menschen ausliefern, ihm vertrauen? Große LKWs, die über die Straße rauschen, ein Zug, der nicht weit entfernt über die Gleise poltert und andere ihm unbekannte und ihn verunsichernde Geräusche. Reagiert er in solchen Situationen aggressiv oder versucht zu fliehen, ist dieser Hund weder ein „Beißer“ noch „psychisch daneben“, er wird mit einer Reizüberflutung konfrontiert, die ihn überfordert. Vielleicht hat er auch noch nie erlebt, wie es ist an der Leine laufen zu müssen, eine Leine, die nicht nur seine Entscheidungsfreiheit, sondern auch sein ganz normales Kommunikationsverhalten einschränkt. Bisher konnte er einem Artgenossen weiträumig ausweichen wenn er wollte, er konnte ihm aber auch schon aus sicherer Entfernung vermitteln, was er von einer weiteren Annäherung hält. Jetzt kommt auf einmal ein Mensch und zwingt ihn in einem für ihn vielleicht unangenehmen Abstand an seinem unbekannten Gegenüber vorbei. Wenn er in dieser Situation auch noch knurren sollte (was im Übrigen ein normales Kommunikationssignal ist und der Vermeidung von Konflikten dient), haha, da haben wir endlich die Bestätigung, wieder so ein nicht sozialisierter Hund aus dem Ausland, der nur Probleme macht. Alle anderen Hunde sind verrückt danach mit Artgenossen zu spielen, laufen brav an der Leine, so dass man sich kaum um sie kümmern muss, sondern bequem mit dem Handy telefonieren kann. Nur dieser Hund verhält sich anders, typisch … Man wusste es ja gleich, Hunde aus dem Auslandstierschutz sind psychisch kaputt und machen nur Probleme. Vorurteile lassen sich scheinbar sehr leicht bestätigen.

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Telmo. Foto: Christoph Detmer

Prophylaktische CTs, MRTs und schöne Röntgenbilder

Dass die Argumente mit der kaputten Psyche und der nicht Integrierbarkeit in eine Familie so nicht stimmen, ändert aber nichts daran, dass einem sowieso nur kranke oder verletzte Tiere untergejubelt werden – Oder ist auch diese Behauptung falsch? Zumindest bei der Organisation, für die ich mich engagiere, ist es Standard bei ausnahmslos jedem Hund einen Blut-Test auf die typischen Mittelmeerkrankheiten zu machen und bei einem positiven Ergebnis eine entsprechende Behandlung durchzuführen. Darauf wird dann auch in den Beschreibungen der einzelnen Hunde hingewiesen. Offensichtliche sonstige Erkrankungen oder Verletzungen werden natürlich ebenfalls tierärztlich behandelt. Was aber aus (hoffentlich) verständlichen Gründen nicht gemacht wird, sind prophylaktische CTs, MRTs oder Röntgenuntersuchungen. Es lässt sich also nie mit Sicherheit ausschließen, dass man einen Hund adoptiert und er nach einigen Tagen, Wochen oder Monaten Krankheits- oder Verletzungssymptome zeigt. Auch bei unserem eigenen Hund hatten wir nach starker Belastung leichte Anzeichen einer Verletzung bemerkt. In der Tierklinik wurde uns dann nach einer Röntgenuntersuchung erklärt, dass er als Welpe verletzt wurde, mit den daraus resultierenden dauerhaften Schmerzen aber groß geworden ist, und sie daher nicht gezeigt hatte. Schmerz war für ihn ein ganz normaler Bestandteil seines Lebens. Jetzt den Tierschützern in Spanien oder der vermittelnden Organisation einen Vorwurf zu machen, wäre ebenso falsch wie unsinnig. Mit Krankheiten verhält es sich ebenso. Es mag zwar Menschen geben, die am Donnerstag schon wissen, dass sie am Montag mit urplötzlich aufgetretenen Symptomen zum Arzt müssen, auf Hunde trifft so eine „Krankheitsvorausplanung“ aber nicht zu. Keine seriös arbeitende Organisation vermittelt stillschweigend kranke oder verletzte Tiere.

Überzogene Erwartungen

Ein Hund aus dem Auslandstierschutz ist weder psychisch kaputt, noch macht er nur Probleme, noch ist er für ein Familienleben ungeeignet. Auch wenn es oft bestritten wird, die meisten dieser Hunde sind sogar in Bezug auf die in ihren Herkunftsländern vorherrschenden Lebensumstände sozialisiert, sie sind lediglich nicht unserer Umgebung, unserem Sozialverhalten und unseren oft falschen Erwartungen angepasst. Einige diese Hunde brauchen Menschen, die sich auf sie und ihre Vergangenheit einlassen, die Geduld besitzen und bereit sind, mit ihnen zusammen in kleinen Schritten in und durch ihr neues Leben zu gehen. Ich habe volles Verständnis für jeden Menschen, der sich mit solch einem Hund überfordert fühlt, der die notwendige Zeit nicht aufbringen kann oder will. Kein Verständnis habe ich jedoch für Menschen mit überzogenen Erwartungen, für Menschen, die es sich bequem machen, einen bequemen Hund mit zwei Jahren Garantie (bei Registrierung auf fünf Jahre verlängerbar), Spülmaschinenfest und bügelfrei erwarten, für Menschen die pauschal jeden Hund aus dem Auslandstierschutz als eigentlich nicht vermittelbar oder noch schlimmer, nicht vermittlungswürdig erklären.

In den kommenden Wochen könnt ihr noch mehr von Autor Christoph Detmer lesen und zwar aus seinem Buch „Telmo, unsere Reise mit einem Angsthund“, das er mit seiner Frau Antje geschrieben hat. Falls ihr jetzt schon neugierig seid, könnt ihr es bei Amazon bestellen: Telmo, unsere Reise mit einem Angsthund.

Telmo: Unsere Reise mit einem Angsthund

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Hi, ich bin Neele, #Hundenärrin, #Hundemama, #Hundehaarmagnet, #Bücherwurm, #Textmaniac. Auf diesem Hundeblog schreibe ich über das Leben mit Hund. Im Hundeblog findet ihr Trends, Lustiges, Ernstes, Absurdes, Wissenswertes. Ich sage nur: Let the dogs rock the world!
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5 Kommentare

  1. Danke für diesen tollen Beitrag.
    Ich musste mir das oft anhören, bevor ich Tiffi zu mir geholt habe. Auch heute noch, wenn sie wieder mal sehr schreckhaft ist, Berührungen ausweicht oder sich vor anderen Hunden fürchtet heißt es: „Kein Wunder, dass der Hund so gestört ist. Ist halt ein Auslandshund.“

    Wenn man sie aber mit ihren Freunden spielen sieht, sieht wie sie den professionell sozialisierten Rassenhunden die Grundlagen der hündischen Kommunikation erklärt und den richtigen Umgang mit anderen Hunden, dann kann man nur Lachen.

  2. Christoph sagt

    Ich frage mich oft was die Menschen unter dem Begriff “sozialisiert“ verstehen. Telmo kann es nicht leiden wenn ein oder sogar mehrere Artgenossen im Tempo einer Abrissbirne auf ihn zukommen und ich habe deshalb schon oft zu hören bekommen, wir müssten an seiner Sozialisierung arbeiten. Vor einiger Zeit ist uns im Wald eine Frau mit einem größeren Hund entgegen gekommen. Schon auf 20 Meter bellt der Hund wie verrückt und bleibt stehen. Eine Situation in der Telmo eigentlich ebenfalls seine Stimme erhebt. An dem Tag war er stumm geblieben, er hatte seinem Artgenossen sogar den Rücken zugedreht und sich neben mich gelegt. Als die Halterin von Telmos Artgenossen dann mit ihrer Fellnase an mir vorbei gekommen war hatte sie sich bedankt. Auf meine Frage wofür hatte ich zur Antwort bekommen, ihr Hund wäre als Junghund in einem Tierheim in Rumänien zu mehreren erwachsenen Tieren in den Zwinger geworfen und dann so zerbissen worden, dass er inzwischen mehrmals operiert werden musste und panische Angst vor allen anderen Hunden hätte. Würde ihn ein anderer Hund ansehen, würde er freiwillig nicht an ihm vorbei laufen. Diese Frau hatte tatsächlich gedacht, ich hätte das erkannt und Telmo aufgefordert sich neben mich zu legen und ihrem Hund den Rücken zuzudrehen. Nein, ich hatte das nicht erkannt, ich wusste zu der Zeit viel zu wenig über die Körpersprache von Hunden aber seit dem Tag bin ich richtig stolz auf Telmo und kann nur lächeln wenn er als nicht sozialisiert bezeichnet wird.

  3. Seltsamerweise habe ich das Gefühl, dass es aus dem Ausland manchmal besser sozialisierte Tiere gibt als aus deutschen Tierheimen. Selbst wenn diese Tiere vielleicht nur auf der Straße gelebt haben, sind sie oft doch „freundlicher“ und leichter zu integrieren als die vom Menschen bereits verkorksten Hunde aus dem Tierheim.
    Ausnahmen gibt es bestimmt. Siehe Christophs
    Telmo, der auch stark traumatisiert war. Aber wenn ich in den Tierheimen schaue, wieviele „agressive“ und verhaltensgestörte Hunde dort sitzen, die deswegen nicht an Nullachtfünfzehn- Familien vermittelt werden können, dann kenne ich seltsamerweise mehr Auslandshunde als deutsche, die sich verhältnismäßig einfach in ihre neuen Zuhause vermitteln ließen.
    Dem Mensch sei dank….😕. Traurig.

  4. aloha sagt

    Hallo liebe Neele,
    von mir gab es lange nichts zu hören, ich hoffe, es geht Dir und Deinem Nachwuchs gut.
    Unsere Mijou ist mit knapp 15 gestorben, letztes Jahr im Juni, danach wollte ich erst keinen Hund mehr, denn nie kann es einen geben , der auch nur annähernd so ist wie sie.
    Allerdings haben wir es nicht ohne Hund ausgehalten……und so Anfang Oktober Anton aus dem Tierheim zu uns geholt. Er ist 13 Jahre und so ganz anders . Er kommt zwar nicht aus dem Ausland aber einfach ist es wirklich nicht mit ihm….Trotzdem ist es auch irgendwie wundervoll ihn bei uns zu haben . Allerdings weiß ich nicht , ob ich so eine Herausforderung jemals noch mal machen würde….
    Schönen Sonntag und allerliebste Grüße

  5. Hanne sagt

    Hallo,
    sehr schöner Beitrag und ich stimme voll zu. DEs ist eine Wundertüte, die man bekommt und wenn man diesem Lebewesen Zeit und Geduld gibt, hat man einen wunderbaren Gefährten gefunden.
    Liebe Grüße von Wendy (der Straßenhündin) und Hanne

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