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Hundeerziehung: Hört auf mit dem Dominanz-Gequatsche

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Telmo Dominanz Hund

 

Wenn sich Hundehalter über ihre Fellnasen unterhalten, kommt oft der Begriff Dominanz zur Sprache und fast ebenso häufig entsteht dann ein emotionales Wortgefecht. Fragt man aber einmal genauer nach, definiert jeder Halter Dominanz anders.

Von Gastautor Christoph Detmer

 

Der Duden nennt als Synonyme für dominieren u. a.: beherrschen, den Ton angeben, die Herrschaft ausüben, die Oberhand haben, kontrollieren. Streng genommen übt damit jeder Halter schon dann Dominanz aus, wenn er seinen Hund an der Leine führt.

 Wenn ich sage, hört auf mit dem Dominanzgequatsche, geht es mir um eine unsinnige oder ausufernde Form von Dominanz, die im Extremfall einen Hund psychisch brechen kann. Da gerade die Befürworter der Dominanztheorie sehr gerne vom „Rudelführer“ sprechen, eine Anmerkung. Das klassische Rudel gibt es bei Wölfen und es besteht aus den Elterntieren und nachfolgenden Generationen. Bei freilebenden Gruppen von Hunden, so wie man sie aus südeuropäischen Ländern kennt, handelt es sich um mehr oder weniger lockere Sozialverbände. Doch warum gibt es diese Sozialverbände überhaupt?

Es gibt kein Rudel

Hunde sind sehr soziale Tiere und sie sind Opportunisten. Als Gruppe können sie z.B. Ressourcen wie Futterstellen leichter kontrollieren und sichern, gemeinsame Rückzugsorte bieten dem einzelnen Tier mehr Sicherheit und auch die Welpen sind wesentlich geschützter. Was man jedoch vergeblich sucht, ist ein sogenannter Rudelführer, der seine Dominanz zur Schau stellend zwischen seinen Untertanen umher stolziert und ständige Unterwerfung einfordert. Es gibt aber sehr wohl ein Leittier bei dem es sich nicht einmal zwangsläufig um ein männliches, sondern sogar recht häufig um ein weibliches Tier handelt (also, nix von wegen Mann gibt Ton an, Frau räumt Socken weg).

 Eine besondere Eigenschaft dieses Leittieres ist seine Souveränität und die Ruhe, mit der es agiert. Es toleriert Fehler von einzelnen Mitgliedern der Gruppe, statt sofort auszurasten, es läuft auch nicht ständig an der Spitze und die übrigen Mitglieder werden von ihm auch nicht pausenlos gemaßregelt, dominiert oder sogar verletzt. Zieht also ein Hund bei uns ein, bilden wir mit ihm zusammen kein Rudel, sondern einen Sozialverband, und statt nach der Rolle als dominanter Rudelführer bzw. Rudelführerin zu streben, sollten wir lieber versuchen, uns wie ein souveränes Leittier zu verhalten.

Telmo Dominanz Hund

Dies sind KEINE Merkmale eines Rudelführers…

Im Zusammenhang mit Dominanz hört man oft, der Hund darf nicht auf das Sofa, ein erhöhter Platz könnte ihn dazu verleiten, sich als Chef im Ring zu fühlen. Aha, Pluto springt aufs Sofa, rollt sich zusammen, macht die Augen zu und schläft ein paar Sekunden später tief und fest. Jetzt ganz sachlich, dieser Hund will nicht der Chef sein, er will es gemütlich und bequem haben – wie war das mit „Hunde sind Opportunisten“? Auch soll es im Rahmen der Dominanz ja wichtig sein, immer vor dem Hund zu essen. Augenblick mal, wir wollen Chef, Rudelführer oder Alphatier sein, essen aber nicht dann, wann wir Hunger haben, sondern immer kurz bevor der Hund sein Fressen bekommt, wie passt denn das zusammen? Wenn unser eigener Hund gerade gefressen hat und ich bekomme Hunger, dann esse ich etwas, ohne auch nur einen Gedanken an die Frage nach einer Rangordnung zu verschwenden, Punkt fertig aus und jetzt bon appétit. Was ebenfalls von großer Bedeutung ist: Der Hund darf an der Leine nicht vor dem Menschen laufen oder noch schlimmer, sogar an der Leine ziehen, denn sonst könnte er auf den, ja genau, er könnte auf diesen fatalen Gedanken mit Chefsessel kommen. Ja ne, is‘ klar, Struppi zerrt an der Leine und drückt die Nase auf den Boden weil er die schon ewig gesuchte Spur zur Weltherrschaft gefunden hat. Schon mal überlegt, ob wir ihm vielleicht nie beigebracht haben, wie er an der Leine gehen soll? Wir sollten die Intelligenz unserer Hunde nicht unterschätzen. Sie merken sehr schnell von wem sie ihr Futter und das ganze Spielzeug bekommen, wer ihnen Geschirr oder Halsband anlegt und wer die Leine in der Hand hält, damit natürlich ihren Bewegungsspielraum einengt. Allein dadurch merken sie: Halt, da gibt es so ein Zwei- oder Dreibein, das die Ressourcen verteilt und das bin nicht ich. Und wer der Herr über die Ressourcen ist, richtig, der ist immer im Vorteil und hat sogar immer etwas mehr zu sagen.

Der Alphawurf zeugt von fehlendem Wissen

Ein Element im Zusammenhang mit Dominanz und ihren teilweisen Auswüchsen ist der Alphawurf. Bei Fehlverhalten eines Hundes wird tatsächlich immer noch – wenn auch nicht mehr von so vielen und auch nicht so häufig wie in vergangenen Jahren – empfohlen, den Hund auf den Rücken zu drehen und ihn zu fixieren bis er ruhig bleibt, also den Alphawurf anzuwenden. Ich habe sogar schon Halter erlebt, die ihn (bei kleinen Hunden) angewendet haben, nur weil sie im Fernsehen gesehen hatten, wie angeblich einfach er anzuwenden und wie angeblich effektiv er ist.
 Es handelt sich hierbei nicht um ein artgerechtes Bestrafen oder Maßregeln, sondern entspringt einem mangelnden Verständnis von Verhaltensweisen.

Der Alphawurf kommt so in der Natur nicht vor. Im Rahmen eines Ernstkampfes gibt es etwas Ähnliches, das aber nur, wenn es ums Ganze geht. Für den betroffenen Hund gibt es dann zwei Möglichkeiten: fliehen oder verteidigen. Der Hund wird nur dann aktiv auf den Rücken geworfen, wenn ein verletzender oder tödlicher Biss erfolgen soll. Führt der Mensch den „Alphawurf“ durch und hält den Hund auch noch fest, bedeutet es immensen Stress für das Tier, der bis zur Todesangst gehen kann. Man sollte sich nicht wundern, wenn der Hund mangels Fluchtmöglichkeit aus dieser Angst heraus um sich beißt. Aber was soll’s, als Gegenmaßnahme gibt es ja diesen tollen Wurf aus dem Fernsehen. Wird der Alphawurf auch noch öfter wiederholt, vielleicht sogar wegen Geringfügigkeiten, dürfte es nicht überraschen, wenn der Hund das Vertrauen in seinen Halter endgültig verliert oder nur noch Angst vor ihm hat und sich wie seelenloser, dafür aber gut programmierter Roboter verhält. Vertrauen aber ist eine wichtige Grundlage der Mensch-Hund-Beziehung und erleichtert das Lernen des Hundes ungemein. Davon einmal abgesehen, ich frage mich wie die Sache ausgeht, wenn man den Alphawurf z.B. bei einem Hund mit dem Gewicht und der Kraft eines sich wehrenden Berner Sennenhundes versucht? Ob es tatsächlich Bello ist, der die weiße Fahne zuerst schwenkt? Ok, gemeines Extrembeispiel, gebe ich zu. Wie wäre es mit einem wesentlich leichteren Vierbeiner, der englischen Bulldogge Tina z.B., auch wenn hier die Kraft vielleicht noch ausreicht, getackerte Hände oder Arme haben nur selten einen positiven Einfluss auf die Lebensqualität.

DAS brauchen Hunde wirklich

Wir leben in einer Welt, die in sehr vielen Bereichen für Hunde denkbar schwierig ist. Sie werden an Leinen geführt und in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt, sie müssen oft genug mit uns durch überfüllte Innenstädte laufen, ohne gefragt zu werden, ob sie es wollen oder nicht; auf engen Wegen geht es nicht selten dicht an unbekannten Artgenossen vorbei, ohne vielleicht die Möglichkeit zu haben, einen Bogen zu laufen, das Jagen verbieten wir ihnen, je nach Rasse haben sie kaum Möglichkeiten ihre Lauffreude auszuleben und zu allem Überfluss müssen sie mit Autos, Fahrrädern und sonstigen ihren Weg kreuzenden Objekten klar kommen. Statt unsere Hunde dominieren zu wollen, sollten wir sie lieber erziehen, sie leiten und ihnen soweit möglich zeigen, wie sie sich in einer von und für (bei dem „für“ habe ich inzwischen so meine Zweifel) Menschen gemachten Welt relativ angepasst, aber trotzdem Hund bleibend bewegen können. Ein Hund braucht verlässliche Regeln die ihm und seiner Umwelt Sicherheit geben, er braucht eine Bindung zu seinen Menschen und Vertrauen in sie, um lernen zu können. Aber hört auf mit dem Dominanzgequatsche.

In den kommenden Wochen könnt ihr noch mehr von Autor Christoph Detmer lesen und zwar aus seinem Buch „Telmo, unsere Reise mit einem Angsthund“, das er mit seiner Frau Antje geschrieben hat. Falls ihr jetzt schon neugierig seid, könnt ihr es bei Amazon bestellen: Telmo, unsere Reise mit einem Angsthund.

Telmo: Unsere Reise mit einem Angsthund

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Hi, ich bin Neele, #Hundenärrin, #Hundemama, #Hundehaarmagnet, #Bücherwurm, #Textmaniac. Auf diesem Hundeblog schreibe ich über das Leben mit Hund. Im Hundeblog findet ihr Trends, Lustiges, Ernstes, Absurdes, Wissenswertes. Ich sage nur: Let the dogs rock the world!
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9 Kommentare

  1. Richtig klasse Artikel. Ich hasse diese Vorurteile über Dominanz. In unserer Hundeschule gibts da so ein paar Leute denen ich deinen Artikel mal zeigen werde!

    • Liebe Ulrike, ja, mach das auf jeden Fall. Mal sehen, ob sich die Leute dann mal etwas Gedanken machen.
      Liebste Grüße
      Wilma und Neele

    • Christoph sagt

      Hallo Ulrike, das du den Artikel weitergibst, freut mich sehr, vielen Dank. Wenn auch nur ein einziger Dominanzverfechter über dieses Thema ernsthaft nachdenkt, ist schon viel erreicht.
      Herzliche Grüße, Christoph

  2. Nicole sagt

    Toll geschrieben und auf den Punkt gebracht! Falsch verstande „Dominanz“ kann/wird einem Hund seelisch Schaden zufügen.

  3. Schöner Artikel!
    Ob Leittier oder Rudeloberhaupt genannt , wichtig ist wie man sich verhält.
    Ich spreche auch von Rudeloberhaupt, definiere es aber auch eher wie Christoph den Begriff Leittier. Ich denke, die Definition ist hier wirklich das, was oft zu Missverständnissen führt.
    Der Hund braucht einen „Anführer“, auf den er sich verlassen kann, so dass er selbst kaum denken und entscheiden muss, ob der Radfahrer oder der Jogger nun Gefahr ist oder nicht. Und das muss man ihm in seiner Sprache, also als Hund und nicht als vermenschlichtes Wesen, logisch vermitteln.
    Ich sehe das ganz genau so: Ein Hund ist Opportunist; er passt sich aus Nützlichkeitserwägung schnell und bedenkenlos an die jeweilige Lage an!

    Ob nun der Hund verlaufen darf oder nicht, wann er fressen darf oder nicht, da würde ich ein paar Einwände erheben. Aber das hat auch mit unserem speziellen „Problemhund“ Lou zu tun.
    Natürlich hat so mancher Hund nie an der Leine gehen gelernt. So auch nicht Lou.
    Und ja, er soll NICHT verlaufen. Und er darf auch erst auf ein Zeichen von uns fressen. Allerdings hat das wieder damit zu tun, dass Lou sein „Leittier“ braucht und wir ihm erst vermitteln müssen, dass er Verantwortung an uns abgeben kann. Wir nehmen ihm also erstmal alle Entscheidungen (vorlaufen uns aufpassen, fressen wann er will. etc.) weg, damit er genau DAS lernt: Das Herrchen leitet ihn.
    Später wird er einige (unwichtige) Freiheiten wieder bekommen, aber im derzeitigen Prozess ist es noch notwendig. Von daher gehe ich nicht mit der Abschaffung solcher „Mythen“ konform, aber was den Aussagekern und das Ziel betrifft, stimme ich wieder vollkommen überein.

    Im Übrigen freue ich mich auf die Telmo-Geschichte!!!! Ich kenne sie schon. Und sie lohnt sich!!!!

    • Christoph sagt

      Ich freue mich, dass dir der Artikel gefällt. Lou war einige Zeit seines Lebens in der Situation Entscheidungen selbst treffen zu können und auch selbst treffen zu müssen. Sich dann den Entscheidungen von Menschen zu fügen kann eigentlich nicht von heute auf morgen funktionieren. Hier zuerst einmal die Uhr auf Null zu stellen und ihm möglichst viele Entscheidungen abzunehmen ist sicherlich richtig. Bei euch und Lou geht es nicht darum ihn daran zu hindern die Weltherrschaft zu übernehmen (so verstehe ich jedenfalls das was ich bisher über ihn und euch gelesen habe), es geht darum ihn davon zu überzeugen, dass er euch und euren Entscheidungen vertrauen kann.

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