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Kalle, der Gassi-Schwimmer

Kalle für alle

 

Rottweiler Kalle ist der wohl einzige Hund in Deutschland, der nicht Gassi geht, sondern Gassi schwimmt. Mal einen Kilometer, mal zwei, mal eine viertel Stunde, mal eine halbe. Jeden Morgen, bei jedem Wetter und bei jeder Welle. Und die sind zum Teil gewaltig in Hamburg an der Elbe, genauso wie die Schiffe, die hinter Kalle vorüber ziehen. Fürs Publikum am Ufer ist Kalle ein Held, fürs Fernsehen ein Star.

Von Elmar Schnitzer

 

Nein, ein Wasserhund ist Kalle nicht, auch, wenn er mit allen Wassern gewaschen ist. Davon gibt es sechs Rassen. Kalles Rasse gehört nicht dazu. Kalle ist ein Rottweiler. Ein Wasser-Hund ist er dennoch.

Kalle für alle

Kalle hat ein gerade zu erotisches Verhältnis zu Wasser. Es zieht an wie Julia ihren Romeo. Wobei die Nase den Augen weit voraus ist. Kalle riecht Flüsse, Seen und das Meer, lange, bevor er das Wasser sieht. Sieht er es, ist er nicht mehr zu halten. Vollgas, ein Riesensatz – und platsch, plumpst er in die Fluten. Bevorzugt in die der Elbe in Hamburg. Dort sind wir zuhause, Kalle und ich. Jeden morgen schwimmt Kalle im Schatten der Ozeanriesen, die Richtung Hafen oder gen Nordsee stampfen, einen oder zwei Kilometer, eine Viertel- oder eine halbe Stunde, manchmal auch weiter und länger. Und das bei jedem Wetter und bei jeder Welle.

Kalle

„Vollgas, ein Riesensatz – und platsch, plumpst er in die Fluten.“

Damit ist Kalle der wohl einzige Hund in Deutschland, der nicht Gassi geht sondern Gassi schwimmt. Was ihn eine Menge Kraft kostet, denn die Elbe ist nur oberflächlich harmlos. Unter Wasser lauert eine gewaltige Unterströmung, allemal stark genug, Kalle, den Elbschwimmer, zu packen und ihn hinaus in die Schifffahrtsstraße zu zerren. Aber nur theoretisch. Praktisch ist Kalle schlau genug, innerhalb der schwarzen Steinmauern zu schwimmen, deren eigentliche Aufgabe es ist, die Wucht der Flut zu brechen, die den Fluss aber gleichzeitig in mehrere „Schwimmbecken“ unterteilen. Ist eine der Trenn-Mauern erreicht, paddelt Kalle an Land, galoppiert flugs darum herum – und ist, schwups, wieder in seinem Element. Manche Hunde haben eben mehr im Bauch, als so mancher Mensch im Kopf…

„Selbst das Fernsehen reiste an, um Kalle zu filmen.“

 

Kalles Wasser-Sucht und die Wollust, mit der er sich den Fluten hingibt, haben ihn zu einer lokalen Berühmtheit gemacht. Wenn er während seiner Schwimm-Orgien wiederholt wie ein Delphin aus dem Wasser hechtet, um wie ein Plumpssack laut blubbernd wieder dort hin zurück zu klatschen, klatschen auch die Menschen am Ufer. Manche rufen: Mach´s noch einmal Kalle, andere, Ortsfremde, halten ihn auf den ersten Blick oft für eine Robbe oder einen Seehund und sind baff erstaunt, wenn er auf vier Pfoten an Land kommt. Selbst das Fernsehen reiste an, um Kalle zu filmen.

„Ortsfremde, halten ihn auf den ersten Blick oft für eine Robbe oder einen Seehund…“

 

Kalle für alle

„Ortsfremde, halten ihn auf den ersten Blick oft für eine Robbe oder einen Seehund..“

Dabei ist Kalle eigentlich eine Landratte, im wahrsten Sinne des Wortes. Er stammt aus einem Dorf am Ende von Niedersachsen, letzte Straße, letztes Haus. Eine Anzeige in e-Bay machte mich auf ihn aufmerksam, weil sie fast mehr Fehler als Buchstaben enthielt. Überschrift: „6 monate alter Rotweiler“ Preis: 300 Eur VB!

Zwei Auto-Stunden später standen wir uns gegenüber, hinter einem Häuschen, das schon voll ist, wenn ein Sonnen-Strahl hinein fällt. Kalle sah aus wie Rosinante, klapperdürr, mit Schlappohren, groß wie Topflappen. Nur ohne Henkel. Also kein Hund für den ersten Blick. Mich würdigte er gar keines Blickes – um mich bis heute nicht mehr aus den Augen zu lassen. Es hat gefunkt zwischen uns, auch wenn wir uns nicht gleich um den Hals gefallen sind. Also, ich ihm… Bei den Menschen nennt man das Liebe und viele große Dichter haben viele schöne Worte für sie gefunden. Und bei Hunden, wie nennt man es da?

„Mich würdigte er gar keines Blickes – um mich bis heute nicht mehr aus den Augen zu lassen.“

 

Elmar Schnitzer

Kalle und Elmar Schnitzer: Ein unschlagbares Team.

Nahezu vier Jahre begleitet mich Kalle jetzt durchs Leben. Zwei Seelen verschmolzen zu einer, zwei freie Geister fanden zu gegenseitiger Akzeptanz. Jedem seins, aber gemeinsam. Darauf muss man erst mal kommen, als Hund. Und als Mensch erst recht.

„Zwei Seelen verschmolzen zu einer, zwei freie Geister fanden zu gegenseitiger Akzeptanz.“

 

So verwundert es mich längst nicht mehr, dass mein wassersüchtiger Rottweiler ansonsten ein echter Weichweiler ist, der sich nach Brie-Käse verzehrt und Eierlikör-Eis schlabbert. Es ist mir auch nicht mehr peinlich, wenn er hübschen Mädels in einer Kneipe namens „Katze“ den Kater macht, giggelt und gackelt und unter ihren Händen dahin schmilzt wie besagter Käse unter der Sonne… Auch um Kalles Seelenheil mache ich mir keine Sorgen mehr, selbst dann nicht, wenn er sich erneut und wieder unsterblich in eine Mopshündin im Fernseher verknallen und in blinder Liebe tatsächlich in den selben springen sollte.

Kalle für alle

Kalle der „Weichweiler“

Von meinem eigenen Seelenheil gar nicht zu reden. Dank Kalle. Er scheint zu wissen, was gut für mich ist – und lebt es mir vor, auf dass ich es ihm gleich tue: Steig aus Deinem Alltag aus, hak‘ Deine Seele von der Leine los und lass sie in der Freiheit baden. Bis zum Hals, nicht nur bis zu den Waden…

„Er scheint zu wissen, was gut für mich ist – und lebt es mir vor, auf dass ich es ihm gleich tue.“

 

Kalle

Der Philosoph auf vier Pfoten: „Steig aus Deinem Alltag aus, hak‘ Deine Seele von der Leine los und lass sie in der Freiheit baden. Bis zum Hals, nicht nur bis zu den Waden…“

Kalle hat die Seele eines Philosophen. Und, ich darf Ihnen verraten: Es genießt sich prächtig in Kalles Welt, siriusfern aller Sorgen ums Morgen. Lebe, liebe, lache! Das ist Kalles Botschaft. Manchmal, ich gestehe es, ist mir allerdings auch etwas unheimlich zu Mute ob meiner unbändigen Freude an seiner Art Leichtigkeit des Seins.

„Lebe, liebe, lache! Das ist Kalles Botschaft.“

 

Jedoch: Was ich nicht in mir habe, das kann mir auch mein Hund nicht entlocken! Kalle riecht meine Gedanken, erspürt meine Gefühle, erahnt, was ich vorhabe und gleich tue. Er macht meine Geheimnisse zu seinen. Kann er Hell-Riechen? Gar hellsehen? Kalles Geheimnis heißt Empathie – die Gabe, sich in andere Wesen hinein zu versetzen und so ein Wir-Gefühl zu erzeugen, das im Wohlgefühl seine Erfüllung findet. Kalle und seine Artgenossen wurden so Auslöser der größten Seelen-Flucht des neuen Jahrtausends: Weg aus sozialer Kälte, hin zum Kuscheltier Hund. Elf Millionen Deutsche haben ihr Herz an sieben Millionen Hunde verschenkt. Mich eingeschlossen. Kalles dunkle Augen sind zum offenen Buch für mich geworden, seine Loyalität zum Vorbild, seine Freundlichkeit und seine Ungezwungenheit zu meiner steten Mahnerinnen. Seine Menschen-Kenntnis zu meinem größten Vorteil, verständlich oder – als Wasserscheuer mit Wasserhund…

„Kalles dunkle Augen sind zum offenen Buch für mich geworden, seine Loyalität zum Vorbild, seine Freundlichkeit und seine Ungezwungenheit zu meiner steten Mahnerinnen.“

 

Zum Gastautor Elmar Schnitzer

Ein Gastbeitrag von Elmar Schnitzer, Hamburger Journalist, Bestseller-Autor und Herrchen von Rottweiler Kalle. Mehr zum Autor und seinen Büchern „Ein Glücksfall namens Paul“ und „Kalle für alle“ findet ihr hier. „Kalle für alle“ hat es übrigens in die Hall of Fame des Zeit Literaturmagazins geschafft. Richtig so! Hier könnt ihr es euch noch nachträglich bestellen.

 

Bilder: Elmar Schnitzer

 

Neele
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Hi, ich bin Neele, #Hundenärrin, #Hundemama, #Hundehaarmagnet, #Bücherwurm, #Textmaniac. Auf diesem Hundeblog schreibe ich über das Leben mit Hund. Im Hundeblog findet ihr Trends, Lustiges, Ernstes, Absurdes, Wissenswertes. Ich sage nur: Let the dogs rock the world!
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