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Faszination Hund

Kalle

Ein Wesen aus grauer Vorzeit, dessen Ur-Ahn vor 15 000 Jahren aus dem Dunst des Schöpfungsnebels in die Welt hinaus trat, zieht die Menschen von heute magnetisch an und magisch in ihren Bann. Es trägt Fell, geht auf vier Pfoten und ist die Ursache der größten Seelenfluchtbewegung des neuen Jahrtausends. Raus aus der sozialen Kälte, hin zum Kuscheltier HUND, dem Kind des Wolfes.

Von Elmar Schnitzer

 

Elf Millionen Deutsche haben ihr Herz an sechs Millionen Hunde verschenkt, mindestens. Nie zuvor gab es mehr Hunde in einer Nachkriegs-Gesellschaft, nie zuvor hatten sie einen höheren Stellenwert als Freunde, als Kumpel und Kumpane, vor allem aber als Balsam für unsere Psyche. Hunde sind die Brüder und Schwestern unserer Seele. Und als solche wahre Meister der Empathie, der Zauberformel für den Willen und die Fähigkeit, sich mit seinem Denken und Handeln auf Absichten, Emotionen, Gedanken und Persönlichkeitsmerkmale anderer einzustellen. Ein Wir-Gefühl zu erzeugen und ein Wohlgefühl daraus zu formen.

Nichts scheint den Menschen wertvoller, die sich Fremdheit und Kälte einer sich rasant verändernden Welt orientierungslos und frierend gegenüber sehen. Nie zuvor waren Hunde als Helfer, Heiler und Kollegen so gefragt und so gefordert wie heute. Hunde riechen Krebs und Epilepsie. Sie erlösen psychisch Kranke aus ihrem Dunkel, öffnen Autisten und sorgen in Betrieben für ein besseres Klima: Streicheln gegen Stress, Gewinn-Maximierung durch vierbeinige Seelenmassage. Hunde sind die Augen von Blinden, das Gehör von Tauben, die Gliedmaßen von Gelähmten und die Verbündeten unserer Kinder. Als Besuchshunde sind sie Lichtgestalten und Botschafter der Lebensfreude für viele alte Menschen in Kliniken und Seniorenheimen. In Gefängnissen, in denen sie zu „Gebrauchshunden“ ausgebildet werden, geben sie Strafgefangenen einen Lebensinhalt und sozialisieren sie gleichzeitig.

Der amerikanische Kinderpsychologe Boris Lewinson begründete in den 6oer Jahren diese „tiergestützte Therapie“, heute Usus in Europa. Sein Golden Retriever Jingles hatte es geschafft, dass ein achtjähriger Autist wieder spricht.

Der erste, der mit einem Hund als Assistenten arbeitete, war jedoch Sigmund Freud, der Vater der Psychoanalyse. Sein Chow Chow Jofi öffnete für ihn den Seelenkäfig einer extrem verschlossenen Patientin. Eine zufällige Begegnung mit ihr hatte Freud Jofis Gabe offenbart.

Auch bei Burn Out-Gefahr, der tückischen Krankheit des „Zu schnell zu viel“ und des „Nie schnell und nie viel genug“ gelten Hunde inzwischen als hervorragende Therapeuten. Sie reduzieren Stress, wirken angenehm auf die Atmosphäre in Unternehmen ein und schaffen überdies ein größeres Zusammengehörigkeitsgefühl unter Mitarbeitern. 20 Millionen Deutsche erkranken jährlich an Mobbing und Burn out, der modernen Pest.

Was in kleinen Betrieben mit Ausnahmen seinen Anfang genommen und in großen Betrieben absolut unerwünscht war, ist inzwischen längst keine Ausnahme mehr und vielfach erwünscht: Kollege Hund am Arbeitsplatz. Am „Tag des Hundes“ in deutschen Betrieben, angeregt vom Deutschen Tierschutzbund, nahmen spontan über 1000 Unternehmen teil.

Der Hund ist also nicht nur rettender Hafen der größten Seelenflucht-Bewegung des neuen Jahrtausends geworden, sondern auch unverzichtbare Stütze von Medizin und Sozial-Gesellschaft.

Die Gründe, die ihn für uns so unschätzbar wertvoll machen, sind in mehreren Ursachen zu suchen: Die Globalisierung hat die Welt zum Dorf geschrumpft, der Kuchen ist kleiner geworden, der Wettbewerb größer. Je näher die Menschen zusammen rücken, je weiter entfernen sie sich voneinander. Zunehmender Druck und Konkurrenzkampf führen bei den einen zu Existenzangst, Egoismus und in die Isolation, bei den anderen ins soziale Abseits. Monetäre Sicherheit ist zur Insel geworden, die Rettung verheißt. So entstand eine Gesellschaft, die von allem den Preis aber von kaum noch etwas den Wert kennt. Kollegen werden zu Gegnern, Freunde zu Feinden, Nachbarn zu Fremden. Einkommen und Auskommen haben so Bestand, aber die Seele darbt und stirbt mangels innerer Zufriedenheit Stück um Stück.

Die Familie hat, zumindest in den Metropolen, ihren Stellenwert als Motivations-Stütze und psychisches Auffangbecken verloren, Ehen werden mit Ehe-Vertrag geschlossen und im Stundentakt geschieden, eine immer größer und immer älter werdende Singlegesellschaft vereinsamt in den Städten. Alte werden in Heimen vergessen.

Die soziale Schere klafft immer weiter auseinander. Verrohung und Kriminalität in den Städten haben teilweise ein beängstigendes Ausmaß angenommen, die Verarmung hat Gettos entstehen, die Immigration hat Parallelgesellschaften mit eigenen Gesetzen heranwachsen lassen. Eigentum und Leben gelten zu vielen zu wenig. Hier ist der Mensch zu des Menschen Wolf geworden. Und zum Wolf der Kreatur. Mit dem Unterschied, dass ihr gegenüber die Hemmschwelle noch niedriger ist.

Quälerei aus Lust, Qualzucht aus Profitgier, aber auch Leid durch falsch verstandene Liebe lassen viele Hunde sehr leiden.

Bis vor kurzem galten Tiere, also auch unsere Hunde, vor dem Gesetz noch als Sache. Sie waren praktisch ungeschützt. Auch angesichts der neuen Wertigkeit des Hundes für uns Menschen ist nun eine ethische Debatte um die Frage entbrannt, ob man den Tieren nicht endlich zugestehen muss, was bisher einzig der Mensch für sich in Anspruch nimmt: Seele und Bewusstsein. Dabei empfinden Tiere seit Anbeginn, was wir empfinden. Freude, Schmerz, Lust, Leid, Sehnsucht. Sie trauern wie wir und lieben ihre Kinder wie wir. Das hat der international führende Bewusstseins-Forscher Christof Koch soeben als Ergebnis neuester Forschung wieder bestätigt. Kommen die Sinne zusammen, erscheint die Seele, poetisch ausgdrückt.

Vor dem Hintergrund zunehmender immer rücksichtsloserer menschlicher Übergriffe ist diese Debatte notwendiger und dringender denn je. Nicht nur der Hunde wegen, zum Frommen der Kreatur schlechthin, die uns die Schöpfung anvertraut, sie uns aber keines Wegs ausgeliefert hat. Und die wir zur wehrlosen Beute machten und machen. Sie dominieren, unterjochen, um uns an ihr bereichern. Im Labor, in der Zucht, im Käfig, im Massenstall, im Viehtransporter. Sogar in freier Natur.

Macht fragt nicht nach Moral, Kapital nicht nach Charakter, Unverstand nicht nach Verstand. Und alle miteinander nicht nach ihrer Berechtigung.

Denken wir stets daran, dass und wie Millionen Tiere leiden, unseretwegen leiden, während wir unserem Hund über den Kopf streicheln, ihn füttern, mit ihm über die Wiesen und durch den Wald steifen und er unsere Seele wärmt, auch jetzt, in diesem Augenblick. Achten, lieben und schützen wir die Kreatur, so, wie unser Hund uns achtet, liebt und schützt. Erst dann verdienen wir uns gegenseitig!

Zum Gastautor Elmar Schnitzer

Ein Gastbeitrag von Elmar Schnitzer, Hamburger Journalist, Bestseller-Autor und Herrchen von Rottweiler Kalle. Mehr zum Autor und seinen Büchern „Ein Glücksfall namens Paul“ und „Kalle für alle“ findet ihr hier. „Kalle für alle“ hat es übrigens in die Hall of Fame des Zeit Literaturmagazins geschafft. Richtig so! Hier könnt ihr es euch noch nachträglich bestellen.

Bilder: Elmar Schnitzer, Clipdealer

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Hi, ich bin Neele, #Hundenärrin, #Hundemama, #Hundehaarmagnet, #Bücherwurm, #Textmaniac. Auf diesem Hundeblog schreibe ich über das Leben mit Hund. Im Hundeblog findet ihr Trends, Lustiges, Ernstes, Absurdes, Wissenswertes. Ich sage nur: Let the dogs rock the world!
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4 Kommentare

  1. Liebe Neele und lieber Elmar,

    schade, dass das Internet so ein schnelllebiges Medium ist. Diesen Artikel muss man nämlich in Ruhe lesen und genießen. Ich würde sogar sagen, der gehört in die Kategorie „unbedingt ausdrucken“ und „immer mal wieder lesen“. Ich habe ihn gleich mehrfach verteilt 🙂

    Ganz herzlichen Dank dafür!

    • Liebe Anna, so ist es! Dem ist nichts mehr hinzuzufügen ;-)))))
      LG von Wili und mir und garantiert auch von Elmar, dem ich den Kommentar weiterleiten werde 😉

  2. Liebe Neele,

    ich möchte dir von Herzen für diesen Artikel danken, weil er mich nicht nur berührt hat, sondern ich mich auch in Teilen sehr gut selbst in diesem Beitrag erkennen konnte. Speziell der Satz „Hunde sind die Brüder und Schwestern unserer Seele“ trifft genau das, womit ich die Beziehung zwischen Tano und mir beschreiben würde, wenn ich die richtigen Worte dafür gefunden hätte.

    Tano ist nicht zu mir gezogen, weil ich in einem Burnout gesteckt habe, aber er hat mir durch eine Phase des Burnout besser geholfen, als es ein Mensch jemals hätte tun können. Mittlerweile bin ich in der glücklichen Lage, genau so einen Arbeitsplatz zu haben, an dem Hunde nicht nur erlaubt, sondern auch sehr gerne gesehen sind.

    Noch einmal ein großes Dankeschön für den Post und liebe Grüße…

    • Lieber Heiko ;-), das ist sehr lieb und ich freue mich riiiieeesig, dass dir der Beitrag gefällt. Du musst dich allerdings bei Elmar bedanken :-))) Ich finde den Artikel auch wunderschön und so wahr. Ich würde mir wünschen, dass deutlich mehr Arbeitgeber Hunde am Arbeitsplatz erlauben. Sie helfen so lautlos und bewirken so viel! Ich hoffe sehr, dass das noch sehr viel mehr Menschen verstehen und schätzen lernen.
      Viele liebe Grüße und ganz lieben Dank für deinen Kommentar, Wilma und Neele

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