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Interview: „Bloß nicht in Ratlosigkeit, Angst und Trauer verfallen!“

Umgang mit krankem Hund Fiffibene Hundeblog

 

Adgi ist ein Kämpfer, sollte eigentlich „Arschi“ heißen und entstammt einer romantischen Liaison zwischen einer Dobermann-Hündin und einem stattlichen Golden-Retriever. Die Kurve mit dem Namen hat er gekriegt. Eine weitere meistert er zurzeit: Adgi leidet an Myositis.

Myositis ist eine entzündliche Erkrankung der Skelettmuskulatur. Bei Adgi ist sie erblich bedingt und hat sich unter anderem in Form einer Kiefermuskelentzündung manifestiert. Die Diagnose war für sein Rudel ein Schock. Lange war unklar, was die Ursache seiner Beschwerden ist. Jeder Hundebesitzer weiß vermutlich, wie unerträglich es ist, seinen Hund leiden zu sehen. Am liebsten möchte man selbst die Last der Krankheit tragen und seinen Schützling gesund und ausgelassen über Wiesen, durch Wald und Flur flitzen sehen.

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Anika mit Adgi – ein unschlagbares Team. Foto: Anika Reining

Anika ist Adgis Frauchen und musste in den vergangenen Monaten Stärke beweisen. Sie ist ebenso wie Adgi nicht nur ein Kämpfer, sondern zudem Optimist. Sie hat uns verraten, wie sie mit der Situation, der Diagnose und Krankheit umgegangen ist und in Zukunft umgehen wird.

Ich denke, dass dieses Interview vielen anderen von euch da draußen helfen kann. Daher möchte ich mich an dieser Stelle nochmals ganz herzlich bei dir, Anika, bedanken, dass du meine Fragen beantwortet hast.

Anika, was ist Adgi für ein Hund?

Adgi ist vor allem eins: ein Schicksalshund und ein Tollpatsch. Genetisch ist er ein Dorfkö-Golden-Retriever-Dobermann-Mix.

Wie hast du gemerkt, dass etwas mit ihm nicht stimmt?

In der ersten Welle hat er einfach sein Maul nicht aufgemacht und beim Gähnen gequiekt. Das hat sich aber schnell von alleine gegeben. In der zweiten Welle stand er plötzlich mit einem zugeschwollenen Auge vor uns. Auch seine Schmerzen wurden schlimmer.

Was passierte dann?

Dann sind wir zum Tierarzt, der erstmal ratlos war. Es wurde geröntgt, Blut abgenommen und eine Biopsie der Kiefermuskeln gemacht. Dann hieß es warten, warten, warten….Nach einiger Zeit kam endlich der Antikörpertest: Myositis. Vererbt. Uff, das war eine Nachricht. Wir haben Cortison mitbekommen und die Therapie ist gestartet.

Hast du den Ärzten von Anfang an vertraut oder hast du zwischendurch gezweifelt?

Nachdem sie schon bei der ersten Welle ohne jeden Verdacht eine Narkose für das Röntgen machen wollten, habe ich den Termin abgesagt. Nach wie vor stehe ich hinter dieser Entscheidung. Als die zweite Welle kam (was wir zu dem Zeitpunkt nicht wussten), sah es deutlich schlimmer aus und auch für die Narkose war ich in dem Moment. Was ich aber immer mache ist, mich zu belesen und zu fragen. Ich denke, dass Nachfragen wichtig ist. Man kennt sein Tier nun mal am besten und das sollte man nutzen, um Situationen realistisch einschätzen zu können.

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Wie hast du deine eigene Traurigkeit überwunden, um für Adgi da zu sein?

Ich glaube, ich habe sie nicht überwunden, sie hat sich geändert. Für mich und Adgi gibt es keinen Plan B und der Glaube daran hat mich stark gemacht. Außerdem darf er seither mehr naschen. Das ist auch toll, wenn man ihn ohne Schmerzen knabbern sieht.

Mit welchen Emotionen hattest du noch zu kämpfen?

Ratlosigkeit, Hilflosigkeit, Angst, das waren die Gefühle vor der Diagnose und die schlimmsten. Ich war einfach am Boden, hatte unglaublich Angst, dass es eine Atrophie ist, die von den Nieren aus startet und ihn langsam sterben lässt. Erst letztens stand ein Hund vor mir, der genau das hatte. Inzwischen lebt er nicht mehr. Ohnehin hatten mich diese Bilder und Gerüche des anderen kranken Hundes nicht losgelassen. Meinen Hund so sehen: NO WAY! Nachdem alles gesackt war, kam eine Art der Resignation dazu. Das Abwägen, was man bereit ist dem Hund zuzumuten, ab wann es egoistisch wird, das Leben des Hundes zu verlängern und wann man kämpfen sollte. Wir haben uns eine Linie im Kopf gezogen. Und komischerweise ging es uns danach besser.

Hast du weitere Tipps für Hundehalter, die einen kranken Hund zuhause haben?

Bleibt ruhig! Denkt darüber nach! Richtet das Krönchen und lauft weiter!
Es ist ein Hund, kein Kind. Euer Hund muss sich weiter bewegen, beschäftigen und nach draußen. Ihr könnt ihn nicht wie ein Kind ins Bett legen und einen Cartoon laufen lassen. Daran gehen sie eher kaputt. Holt euch einen zweiten Rat ein, wenn ihr euch unsicher fühlt. Kein Tierarzt ist allwissend und das kann man auch nicht verlangen. Wisst ihr in eurem Fachbereich alles und zu 120 Prozent?

Du tanzt mit Adgi! Erzähl, wie kam es dazu?

Kennt ihr das Stresstanzen von Meredtih und Christina aus Greys Anatomy? Ich tanze für mein Leben gern. In der Disco findet man mich nur auf der Tanzfläche. Ich stehe total auf Zumba und war vor ewigen Zeiten ein Funkenmariechen. Eigentlich tanze ich schon mein ganzes Leben, zwar nicht äußerst talentiert, aber wild. Es läuft immer Musik. So tanze ich mal zur Flogging Molly oder zu Nirvana durch die Wohnung, dann zu Johnny Cash und erst kürzlich habe ich meine alten Bravo Hits und Bro Sis Alben rausgekramt. Irgendwann habe ich festgestellt, dass Adgi mitmacht. Er stellt sich zwischen meine Beine oder läuft um mich herum. Meistens aber steht er vor mir und grinst mich an. Mittlerweile sind wir richtig gut darin. Wir hatten ihn mit zu einer Familienfeier genommen und als Micha und ich 1-2-Tipp tanzten, stand Adgi mitten auf der Tanzfläche und drehte sich mit uns. Zweifellos einer der schönsten Momente.

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Worauf müsst ihr zurzeit besonders achten?

Cortison macht durstig und durstig macht eine volle Blase. Adgi muss also viel trinken und dementsprechend häufig raus. Dann hat er schnell abgenommen, das muss wieder drauf, tja gibt Schlimmeres, als den Hund voll zu stopfen. Außerdem muss er regelmäßig seine Tabletten nehmen und zwar immer um 20:00 Uhr mit einer großen Portion Leberwurst – versteht sich. Ach, und er muss ausgelastet werden. Ruhe ist das eine, aber Bewegung das andere. Adgi genießt es sichtlich.

Wie vereinbarst du das alles mit deinem Alltag?

Ich arbeite in diesem Fall zum Glück in Schichten und daher können Micha und ich uns abwechseln. Adgi ist daher wenig allein. Außerdem darf Micha ihn mit zur Arbeit nehmen, so bekommen wir das gut geregelt.

Was muntert Adgi besonders auf?

Rehe. Auf einer Wiese hinter Rehen herlaufen erfreut Adgi sehr. Mich nicht
(Er reißt keine Tiere, er schreckt sie nur auf und sobald er uns nicht mehr sieht kommt er wieder). Ansonsten Schinken, Tanzen und Schmusen und genau in der Reihenfolge. =)

Inwiefern hat sich euer Verhältnis zueinander verändert?

Wir haben schon immer ein eigenartiges Verhältnis. Er spielt zum Beispiel nicht mit mir, hat mich aber immer im Blick und wenn er etwas hat, dann kommt er zu mir. In meiner Gegenwart wird er ruhig und ich in seiner. Wir beeinflussen uns gegenseitig emotional massiv. Manchmal reicht ein Blick von ihm und ich bekomme das Weinen. Dafür kann ich ihm seinen Schluckauf wegkraulen. Er ist mein bester Hundefreund, mein Herz, meine Zukunft und meine Brandung an stürmischen Tagen (an dieser Stelle bekomme ich beim Vorlesen zur Korrektur Pipi in die Augen). Alles ist einfach viel intensiver geworden.

Ein Rat, den man häufig hört, wenn das Leben es gerade nicht so gut mit einem meint, ist: Akzeptiere was ist, dann wird es leichter. Wie siehst du das?

Tatsächlich ist da was dran. Vermutlich nicht in der akuten Phasen, aber nach dem fünften Mal durchatmen. Ändern kann man es ja doch nicht und wenn man sich dann darin fallen lässt, tut es weder dem Hund gut, noch einem selber. Es ist etwas dran an der Aussage, der Hund sei das Spiegelbild der Seele. Man kann es dem Hund nicht antun, selbst in Ratlosigkeit, Angst und Trauer zu verfallen. Das Leben geht immer weiter, mit jeder Sekunde, Minute und Stunde. Unsere Hunde sind immer restlos für uns da, genau das haben wir auch zu sein! Also, wie ich eingangs sagte: Krönchen richten und weiterlaufen!

Liebe Anika, ich danke dir, dass du mir für das Interview so offen geantwortet hast. Wir drücken Adgi die Daumen und sind uns sicher, dass er wieder richtig gesund wird. Haltet durch, wir senden euch viel Kraft!

 

Habt auch ihr einen kranken Hund zuhause? Wie geht ihr mit der Situation um?

 

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Hi, ich bin Neele, #Hundenärrin, #Hundemama, #Hundehaarmagnet, #Bücherwurm, #Textmaniac. Auf diesem Hundeblog schreibe ich über das Leben mit Hund. Im Hundeblog findet ihr Trends, Lustiges, Ernstes, Absurdes, Wissenswertes. Ich sage nur: Let the dogs rock the world!
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6 Kommentare

  1. So viele liebe Kommentare. DANKE

    Und auch ein großes Danke an Neele und Wilma für den Platz auf eurem Blog <3

    Liebe Grüße

    Anika und Adgi

    • Hey ihr zwei ;-),
      sehr,sehr gern und immer wieder <3 <3 <3
      Eure Wilma & Neele - einen riesigen Schmatzer an den kleinen Kämpfer 😉

  2. Liebe Anika, liebe Neele,

    das ist ein sehr, sehr schönes Interview! Und ich bin so froh, dass Adgi mit der Krankheit leben kann, auch wenn sie natürlich nicht schön ist.

    Hach!

    Liebe Grüße

  3. Socke-nHalterin sagt

    Wir haben die Geschichte von Adgi mitbekommen und waren sehr traurig darüber. Nun freut es uns, dass er die Medikamente absetzen konnte. Möge es ihm weiterhin gut gehen.

    Ich kann Anika so gut verstehen, ihre Worte nachvollziehen. Auch wir leben seit drei Jahren mit einem kranken Hund. Und das einzige was uns hilft, ist zuversichtlich und positiv zu sein. Dies hilft sicher auch dem Hund. Zu viele Sorgen und überfürsorglich zu sein ist so angstrengend und kräftezehrend. Und wenn die Krankheit länger dauert oder chronisch ist, dann braucht man Kraft. Man lernt die schönen Stunden besonders zu genießen und kämpft, wenn es mal nicht so gut läuft, dann freut man sich und genießt….
    Bei uns hat die Erkrankung zu einer besonderen Bindung geführt. Socke vertraut uns und wir / der Tierarzt darf alles mit ihr machen. Bei all den Sorgen und der Hilflosigkeit, auch etwas Schönes…

    Viele liebe Grüße
    Sabine mit Socke

    • Liebe Sabine, als ich Anika interviewt habe, habe ich tatsächlich die ganze Zeit an euch gedacht! Ich freue mich sehr über deine Worte und darüber, dass ihr trotz der schweren Situation eure Zuversicht und euren Optimismus nicht verloren habt.
      Wahre, schöne Worte!
      Liebste Grüße
      Eure Wilma und Neele

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