Beziehung, Hund & Mensch
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Rudelführer Kind?

Kind Hund

Ich hatte so lange darauf gewartet. Ich habe wie ein Gefangener, der seine Entlassung herbeisehnt, eine Strichliste geführt. Und dann war es endlich so weit: Mein 10. Geburtstag stand kurz bevor.

 

Cornelia Nyhof

Der 1. Februar 1992 war ein besonderer Tag. Er sollte in meine persönliche Geschichte eingehen. Denn mir wurde die Jahre zuvor versichert, dass es dann soweit wäre: Ich durfte alleine mit unserem Schäferhund Gassi gehen. Ich war scheinbar körperlich stark genug, vernünftig und durchsetzungsfähig genug, um das Kind-Team-Gespann nicht in brenzlige Situationen zu manövrieren. Die anderen Hunde und Hundebesitzer waren mir bekannt und Ben ein sehr gut erzogener Schäferhund.

Teilzeit-Rudelführer

Meine Eltern haben mich von Anfang an in die Erziehung der Hunde mit einbezogen. Bei Spaziergängen war ich immer mit von der Partie und konnte in situ bereits viel lernen. Zwischen den Hunden und mir bestand ein vertrauensvolles und enges Verhältnis. Obwohl wir also schon früh alle Anzeichen eines Dream-Teams zeigten, wollten meine Eltern auf Nummer sicher gehen. Verständlich.

Meine Eltern gingen auf Nummer sicher.

 

Hunde gehören zur Familie wie jedes andere Mitglied auch. Viele wachsen mit Kindern auf, die ihre Spielgefährten, Freunde, Seelenverwandten und –tröster sind. Die Beziehung zwischen Hund und Kind ist eine Besondere, wie es auch Udo Kopernik, Sprecher des VDH, in seinem Interview mit dem Fiffibene Hundeblog deutlich machte – ohne aber gleichzeitig zu vergessen, auch auf die Gefahren und auf die wichtige Rolle der Eltern hinzuweisen. Verantwortung ist ein wichtiges Stichwort. Ebenso die Fähigkeit, einschätzen zu können, ob das Kind weiß, wie es mit seinem vierbeinigen Partner und brisanten Situationen umzugehen hat. Kindliches Denken, Fühlen, Verhalten etc. muss bei dieser Team-Konstellation ebenso berücksichtigt werden wie das hündische Verhalten und die Hundeerziehung.

Weiß das Kind, wie es mit dem Hund und brisanten Situationen umzugehen hat?

 

„Auch ein bereits älteres Kind von etwa 10 Jahren muss erst allmählich lernen, was es bedeutet, Verantwortung für ein Lebewesen zu tragen und wäre mit all den unterschiedlichen Verpflichtungen einer artgerechten Hundehaltung vollkommen überfordert. Hier müssen sich die Eltern zuerst einmal selbst ausführlich mit dem Thema „Hundehaltung“ auseinandersetzen“, so die Tierpsychologin Ramona Meißner.

Kind Hund

Kindliches Denken, Fühlen, Verhalten etc. muss bei dieser Team-Konstellation ebenso berücksichtigt werden wie das hündische Verhalten und die Hundeerziehung.

Voraussetzungen müssen stimmen!

Ich wurde sehr früh im Umgang mit unseren zwei Schäferhunden geschult. Dieses und jenes durfte ich nicht, nicht zu fest oder nicht in der Weise tun. Meine Eltern haben mir beigebracht, die Körpersprache des Hundes zu lesen und seine Bedürfnisse zu verstehen. Hunde sind schließlich keine Menschen. Mir wurde das Wesen der Hunde erklärt und was sie von einem erwarten. Gefüttert habe ich die beiden Prachtkerle schon sehr früh und habe es genossen, Verantwortung für „meine zwei Schützlinge“ zu übernehmen.

Champ

Die Frage, die sich viele Eltern stellen: Ab wann ist mein Kind bereit und fähig, noch MEHR Verantwortung für den Vierbeiner zu übernehmen, beispielsweise ihn spazieren zu führen, ohne dass der Spaziergang aus dem Ruder läuft. Denn es kann viel schief gehen. Die Ausgestaltung verschiedener Szenarien überlasse ich eurer Phantasie.

Beim Gassigehen kann viel schief gehen…

 

Zu beachten ist, so Meißner, dass „solange das Kind geistig nicht reif genug ist, eine eigene individuelle Beziehung zum Hund im Sinne einer Führungsrolle aufzubauen und zu leben, wird sich der Hund vom Kind nichts sagen lassen und seine Rechte und Ressourcen verteidigen.“ Das heißt im Umkehrschluss, dass Eltern und Hundehalter, die einem Kind erlauben ohne Aufsicht einen Hund auszuführen, dem sie körperlich und geistig nicht gewachsen sind, nicht nur Dritte, sondern auch das Kind gefährden.

Keine Frage des Jahrgangs…

Für meine Eltern war es der 10. Geburtstag. Wann Eltern ihr Kind alleine mit dem Hund losziehen lassen, muss jeder selbst und sehr verantwortungsbewusst entscheiden. Eltern kennen ihre Sprösslinge schließlich am besten. Jedes Kind entwickelt sich anders. Und jeder weiß: Manche Leute werden nie erwachsen und sollten überhaupt niemals Hunde führen oder besitzen dürfen. Es ist also nicht unbedingt eine Frage des Alters.

Hund

Manche Leute sollten auch als Erwachsene keine Hund halten dürfen.

Experten wie Günther Bloch, ein bekannter Kynologe, Wolfsforscher und Autor, weisen darauf hin, dass der Anführer (bei Wölfen: der Anführer einer Wolfsfamilie) nicht immer der älteste, schwerste, stärkste und erfahrenste sein muss. Manager großer Unternehmen werden schließlich auch nicht nach Größe oder Gewicht etc. ausgewählt. Vielmehr sei entscheidend, ob jemand eine Führungspersönlichkeit hat und weiß, was zu tun ist, so Bloch.

Der Wolf am Fenster

Bei Wölfen sei es vor allem ihre mentale Stärke, die sie zu einer anerkannten Persönlichkeit werden lassen. Gleiches gelte auch für den Menschen: „Nicht nur Erwachsene, sondern auch Jugendliche können von Hunden durchaus als soziale „Leittiere“ mit Vorbildcharakter Anerkennung finden. Voraussetzung ist allerdings, dass sie eine gewisse Reife an den Tag legen und wissen, was sie wollen“.

Der Anführer ist nicht immer der älteste, schwerste, stärkste und erfahrenste.

 

Neben der mentalen und körperlichen Reife des Kindes oder Jugendlichen ist die Entscheidung außerdem abhängig von der Größe und Rasse des Hundes, dem Gehorsam, den Hunden der Nachbarschaft, denen das Kind-Hund-Gespann über den Weg laufen könnte, dem Vertrauen der Eltern dem Hund und dem Kind gegenüber etc.

Hund Kind

Neben der Reife des Kindes/Jugendlichen ist die Entscheidung außerdem abhängig von der Größe und Rasse des Hundes, dem Gehorsam etc.

Kinder-Hundeführerschein?!

In Thüringen werden Kinder in einem speziellen Kurs ausgebildet und können nach bestandener Prüfung einen „Hundeführerschein“ erwerben. Der ist allerdings behördlich noch nicht anerkannt:

Ich finde Kurse, in denen Kinder (auch solche, die zuhause keinen Hund haben) den Umgang mit Hunden lernen, sehr sinnvoll. Wir begegnen immer wieder Kindern mit irrationalen Ängsten vor Hunden oder solchen, die nicht wissen, wie sie sich zu verhalten haben. Damit können sie sich allerdings in große Gefahr bringen.

ABER…

um es mit Günther Bloch zu sagen: „Die Persönlichkeit macht den Unterschied aus und die entsteht in erster Linie durch die Vermittlung eines authentischen Menschenbildes, indem wir uns so verhalten wie wir wirklich sind, als Vorbild für den Hund fungieren und dadurch einschätzbar bleiben.“ (Günther Bloch in: Wölfisch für Hundehalter).

Kein Blatt Papier oder streng erlernte Kommandos können das ersetzen…

Was sind eurer Meinung nach die Top 3 Kriterien für die Entscheidung, ein Kind einen Hund ausführen zu lassen?

 

Bilder: Fiffibene & Clipdealer

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Hi, ich bin Neele, #Hundenärrin, #Hundemama, #Hundehaarmagnet, #Bücherwurm, #Textmaniac. Auf diesem Hundeblog schreibe ich über das Leben mit Hund. Im Hundeblog findet ihr Trends, Lustiges, Ernstes, Absurdes, Wissenswertes. Ich sage nur: Let the dogs rock the world!
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4 Kommentare

  1. Meine Kinder sind von Anfang an in die Hundeschule mitgegangen. So konnten sie viel im Umgang mit Hunden lernen. Auch Zuhause durften sie mich Tatkräftig unterstützen. Beim Füttern, beim Bürsten und eben auch beim Grundgehorsam üben.

    Alleine Gassigehen kam erst zwei Jahre später. Es kann einfach viel zu viel außer Kontrolle geraten. Meine Kinder sind jetzt 14 und 18 Jahre.

    Liebe Grüße
    Sonja und Charly

    • Liebe Sonja und lieber Charly ;-), leider bin ich erkrankt, daher die verspätete Rückmeldung auf die Kommentare. Ich denke auch, dass man die Kinder lieber später als zu früh mit den Hunden Gassi gehen lassen sollte. Oder man entscheidet sich für eine Zwitter-Lösung: gemeinsam Gassi gehen und das Kind den Hund führen lassen. So kann man in bestimmten Situationen schnell eingreifen und das Kind lernt beim „Doing“ ;-). On the Job sozusagen, hehe. Aber die Entscheidung ist definitiv eine sehr, sehr individuelle. Ich finde es gut, wenn die Kinder mit in die Hundeschule gehen.
      GlG von Wilma und mir

  2. Hm, wo fang ich an…

    Theoretisch würde ich sagen, warum sollte ein Kind nicht mit einem Hund Gassi gehen (können)?! Und auch, wenn ich kein Anhänger der klassischen Rudelführertheorie bin, so muss natürlich gewährleistet sein, dass das Kind den Hund zu händeln vermag und der Hund entsprechend auf das Kind hört. Soweit die Theorie…

    In der Praxis würde ich heute (wenn ich denn eines hätte) kein Kind mehr alleine mit einem Hund vor die Tür schicken. Wenn ich schon sehe, wie unentspannt oft sehr oft unsere Mensch-Hunde-Begegnungen sind (in allen möglichen Konstellationen, die ich jetzt nicht aufzählen mag und kann), wie wenig Toleranz zu erwarten ist und was man sich so alles anhören darf, dann frage ich mich, wie soll das erst mit einem Kind sein. Da denkt doch jeder, er hat einen Freifahrtschein zum Anpöbeln oder umgekehrt ausgedrückt, kann ein Kind sich dagegen zur Wehr setzen oder den Überblick in brenzligen Situationen behalten?

    Obwohl bei uns wenige Kinder mit Hunden allein anzutreffen sind, bin ich aber auch schon welchen begegnet, die ihre Hunde fast schon auf dem Acker misshandelt haben. Die haben die so am Halsband rumgewürgt, dass die armen Tiere schon geröchelt haben. Oh ja, Kinder können grausam sein. Den Antworttext auf meine Ansprache, das doch bitte zu unterlassen, den erspare ich uns hier. Mannomann, ich war echt geplättet, was da zum Vorschein kam. Da ärgere ich mich doch lieber mit pöbelnden Erwachsenen rum. Also vergiss das oben gesagte wieder – lach…

    Und versicherungstechnisch? Ab wann haben die Eltern ihre Aufsichtspflicht verletzt, wenn etwas passiert?

    LG Andrea und Linda

    • Hallöchen Andrea ;-), das ist wirklich ein heikles Thema. Ich glaube auch, dass es ein Thema ist, das extrem abhängig vom Einzelfall und der jeweiligen Umgebung etc. ist. Das mit den „Begegnungen der etwas anderen Art“ kenne ich, wobei es hier bei uns wirklich noch geht. Wir haben hier aber zum Beispiel auch einen Jungen, der mit den Hunden besser umgeht als die Eltern. Grundsätzlich würde ich heute Kinder aber wahrscheinlich eher zu einem späteren Zeitpunkt auf die Hundepiste schicken als zu früh. GlG aus dem Krankenstall ;-(

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