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Tierheim Hunde: Unser Leben mit „Problemhund“ Lou – Episode 3

Tierheim Hund

 

Lou ist wohl das, was landläufig als „Hund mit geringen Chancen auf ein Leben ausserhalb des Tierheimes“ bezeichnet wird. Die Prognosen „schwer vermittelbar“ bis „aussichtslos“ schienen auf seiner Stirn zu prangen. Einem jungen Rüden, der in seinem Leben nichts falsch gemacht hat, sondern einfach in die falschen Hände geraten ist, geben Annika und ihr Mann Sebastian eine zweite Chance.

Von Gastautorin Annika

*Fortsetzung* – Lest auch Episode 1 und 2: Tierheim Hunde: Unser Leben mit „Problemhund“ Lou – Episode 1 und Episode 2

Episode 3: Soziales Umfeld

 

Das nahe soziale Umfeld

Ja. Man hat dann also einen Hund und erzählt dann nach zwei bis drei Wochen auch mal im Freundes – und Arbeitsumfeld davon. Wie man dazu kam, und wie dieses Tier so ist.

„Hast du ein Foto?“

„Klaaar!“ Jeder  glückliche Hundebesitzer hat doch heutzutage ein Foto (oder auch eine ganze Sammlung mit Fotos des Hundes in sämtlichen Schlaf- und Sitzpositionen) auf seinem Handy.

„Ohhhhhhh….der ist aber hübsch! Der guckt so lieb.“

„Ja, lasst euch nicht täuschen. Wenn der…..!“ ….und nochmal die ganze Litanei an Problemen heruntergebetet. Am Ende meines Vortrages weiß ich ganz genau, keiner von denen nimmt mir das Ausmaß wirklich ab. Das Erwachen kommt bei jedem. Das weiß ich inzwischen.

Ein schönes Beispiel hierfür ist ein Tag, an dem ich meine Eltern besuchen wollte. Vorher hielt ich an den nahegelegenen Ententeichen an. Ich wollte mit Lou einmal den Weg hoch und runter gehen; oder es zumindest versuchen.

Dort traf ich eine Freundin, die ich zunächst erst einmal schreckhafterweise als Joggerin registrierte. Nachdem ich sie erkannte und bat langsam zu gehen, kam sie zu uns. Wir unterhielten uns. Lou saß bei uns und ließ sich streicheln. Ach ja, der Lou ist ja echt ein Süßer. Ist doch gar nicht so schlimm.

Dann kamen unerwartet zwei Kinder auf Fahrrädern vorbei … und Lou flippte völlig aus.

Ich sehe immernoch ihr Gesicht vor mir. Ich konnte förmlich SEHEN wie ihr alles aus dem Gesicht fiel. Als Lou sich wieder beruhigt hatte, sagte sie nur entsetzt: „Da habt ihr euch ja was ins Haus geholt.“

Das war einer der deutlichsten Momente; anderen Freunden und Familienmitgliedern sollte es noch ähnlich ergehen.

Die liebe Nachbarschaft

Über drei Jahre hatte ich hier schon gewohnt, und ich kannte kaum einen Nachbarn. Bis wir Lou bekamen. Jetzt kenne ich fast alle – oder besser gesagt, sie kennen uns… .

Da man mit Lou nicht wirklich spazieren gehen kann, sind wir die ersten drei Monate mit Lou nur auf dem großen Parkplatz vor unserer Wohnung und auf der Wiese hinter unserer Wohnung „spazieren“ gegangen. Und haben weiterhin versucht mit ihm das An-der-Leine-laufen zu üben. Es war Sommer, es gab auch vor unserer Wohnung ausreichend Fahrradfahrer, Fußgänger und Hundespaziergänger.

Lou ist ein großer und kräftiger Hund mit einem tiefen, lauten Bellen. Und wenn bei ihm erst einmal die Sicherungen durchgeknallt sind beim Anblick eines Hundes o.ä., dann ist er in einem Wahn und bellt und bellt und bellt und bellt… Vermutlich hat jeder der zahlreichen Nachbarn schon einmal deswegen aus dem Fenster gesehen… . Jedenfalls grüßen uns seit Lou viele Leute, die ich nicht immer einordnen kann.

Tierheim Hunde

Annikas Mann Sebastian kugelt mit Lou übers Feld, um einen anderen Hund zu schützen.

Am Einfachsten ist es mit den Hundebesitzern. Leute mit Hundeherz haben am schnellsten Verständnis für Lous Verhalten mit seiner Vorgeschichte; auch wenn Lou deren Lieblinge am Liebsten auffressen würde. Dann gibt es Nachbarn, die sprechen einen an. Und auch diese zeigen Verständnis, wagen sogar zumeist auf Lou zuzugehen, um dann festzustellen, dass er sich ja eigentlich soooo gerne streicheln lässt.

Dann gibt es die Anderen. Die, die genervt sind, die, die die Fenster öffnen und brüllen „Meine Güte! Ich weiß schon, warum ich eine Katze habe!“ oder „Hauen Sie bloß mit diesem Hund ab!“. Das betrifft unsere direkten Nachbarn aus den Mehrfamilienhäusern gegenüber.

Inzwischen können wir mit Lou schon eine Runde um den Straßenblock gehen. – Ja….auch hier kennen uns inzwischen alle Nachbarn… Auch hier verhält es sich wie oben beschrieben mit den Verständnisvollen und weniger Verständnisvollen.

Wenn man eines lernt mit einem „Problemhund“, dann ist es ein dickes Fell zu bekommen. In mehrerer Hinsicht. Es fängt ja schon beim Gehen an. Man GEHT ja nicht einfach. Erstmal gibt es eine besondere Leinentechnik. Dann hat man während des Gehens 70 % seiner Blicke auf dem Hund und 30 % in der Umgebung. Entspanntes Spazierengehen ist hier Fehlanzeige. Im Optimalfall muss man immer etwas schneller sein als der Hund, sämtliche „Gefahren“ schneller erfassen als er, und immer im Blick haben wie seine Körpersprache gerade ist, so dass man schnell genug als Alphatier agieren kann. Dabei trainieren wir dann noch An-der-Leine-gehen. Das sieht dann so aus, dass wir uns auch häufiger mal im Kreis drehen, auch mehrmals hintereinander auf einer Stelle, oder dass man sich immer wieder vor ihn stellt und kurz stoppt. Diese Runde um den Block dauert übrigens ohne Lou 10 Minuten, mit ihm 30 Minuten. Wenn Lou mal durchdreht, dann ist es nicht weniger peinlich. Gerne bekommt man abwertende Blicke zugeworfen.

Im Dunkeln ist Lou noch panischer; er kann ja schlechter sehen und alles kontrollieren. Bei einem Kraftpaket wie ihm, braucht man alle Hände. Also läuft man mit Stirnlampe. Das  alles sieht schon ziemlich bescheuert aus!!! Und dann kommen noch die lieben Mitmenschen ins Spiel. Natürlich, Fremde wissen nichts über Lous Vorgeschichte. Es wirkt einfach so, als hätte man sein Tier nicht im Griff. Doch auch Erklärungen sind da oft fehl am Platz. Stattdessen bekommt man gerne gut gemeinte (und bescheuerte) Ratschläge.

Nehmen wir ein Erlebnis aus der letzten Woche. Lou und ich drehen unsere Runde um den Block. Es ist zum Glück wenig draußen los, nur ein paar Zeitungen werden verteilt. Das bekommen Lou und ich inzwischen ganz gut hin; aber natürlich sieht dieses „Hinbekommen“ trotzdem so aus als ob wir nicht mehr alle Tasse im Schrank hätten. Dann kommt ein Jugendlicher mit Kapuze und Kopfhörern (in Lous Augen ist das vermutlich ganz unheimlich) auf der anderen Straßenseite entlang. Ich sehe ihn rechtzeitig und kann reagieren. So, dass Lou zwar ein bisschen nervös wird und knurrt, aber eigentlich bin ich stolz auf ihn, dass nicht mehr passiert ist. Die nette Zeitungsausträgerin steht schon seit einiger Zeit vor einem Haus und wirft uns abwertende Blicke zu. Schließlich sagt sie angewidert und entsetzt: “Mit so einem Hund kann man doch nicht raus gehen!“

Ich bin von Haus aus eigentlich zu Höflichkeit erzogen worden und versuche bisher immer auf Verständnis zu treffen. Daher sage ich: „Naja. Er ist aus dem Tierheim. Er hat das nicht gelernt und muss das jetzt halt alles lernen.“

„Aber man kann doch nicht dahin wo Leute sind!“

„Er muss es aber doch lernen.“

Jetzt kommt mein Lieblingssatz, den ich schon so oft gehört habe:

„Sie bestätigen ihn ja auch noch in seinem Verhalten!“; womit sie meint, dass er Leckerchen von mir bekommt.

„Ich bestätige ihn, nachdem ich ihn zurückgeschoben habe, dafür dass er zurückgegangen ist und außerdem ist das auch Stressabbau.“

Wie gesagt, ich bin zu Höflichkeit erzogen worden, überlege mir aber zunehmend, mir die ganzen Erklärungsausschweifungen zu sparen und demnächst einfach nur noch „Wenn Sie keine Ahnung haben, halten Sie doch einfach den Mund!“ zu sagen. Das würde mir oft einiges an unnötig verbrauchter Energie einsparen.

Es ging weiter:

„Also nein! Auf so einen Hund geh ich doch nicht zu!“

„Müssen Sie ja auch nicht. Erstens trägt er eine Maulschlaufe und zweitens würde ich eh einen Bogen um Sie machen, weil er das so nah noch nicht kann.“

Ja…, man bekommt dickes Fell.

Aber es gibt auch die schönen Äußerungen. Wenn die Nachbarn sagen: „Der ist aber schon viel ruhiger geworden!“ (Manchmal frage ich mich, ob es daran liegt, dass er inzwischen einfach an anderen Orten bellt als nur auf dem Parkplatz vor dem Haus… Aber nein, auch wenn es von außen immer noch wie eine Katastrophe aussieht, er hat sich wirklich schon sehr verändert!)

Gerne hört man auch von Nachbarn, die sich für uns und unseren Lou bei den weniger Verständnisvollen für uns einsetzen, wenn diese sich aufregen, dass man den Hund ja nicht unter Kontrolle habe.

Unendlich oft gehört haben wir ebenso: “… dabei ist das so ein hübsches Tier!“ Wir machen uns gerne einen Spaß daraus und sagen dann immer: „Wenn er nichts kann, sieht er wenigstens gut dabei aus!“

Tierheim Hunde

Fortsetzung folgt am 16. Juli. Verfolgt jeden Sonntag die Geschichte von Lou, dem Hund aus dem Tierheim.

 

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Hi, ich bin Neele, #Hundenärrin, #Hundemama, #Hundehaarmagnet, #Bücherwurm, #Textmaniac. Auf diesem Hundeblog schreibe ich über das Leben mit Hund. Im Hundeblog findet ihr Trends, Lustiges, Ernstes, Absurdes, Wissenswertes. Ich sage nur: Let the dogs rock the world!
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7 Kommentare

  1. Liebe Neele, das ist eine ganz tolle und wichtige Reihe. Ich freue mich jeden Sonntag darauf. Liebe Annika, lieber Sebastian, ihr habt meinen Respekt. Was für ein Glück, dass Lou euch gefunden hat.
    Herzlichst Patricia mit Cosmo

    • Liebe Patricia, <3 <3 <3 ganz lieben Dank an euch -auch im Namen von Annika und Sebastian. Ich bin auch froh, dass diese Geschichte nun auch andere erreicht und ermutigt, am Ball zu bleiben.
      Ganz liebe Grüße von Wili, Marli und mir

  2. Christoph sagt

    Hallo Annika, Großbaustelle, ja, das kennen wir. Bei uns gab es Zeiten da haben wir gesagt, wer den Berliner Flughafen als Großbaustelle bezeichnet, der hat unseren Telmo noch nicht gesehen. Mehr als einmal hatten wir uns gefragt, sind wir die richtigen Menschen für Telmo, können wir ihm gerecht werden. In der ersten Woche bei uns hatte er Angst vor dem Garten und war nur in der Wohnung geblieben, gefressen und getrunken hatte er ausschließlich dann wenn er entweder alleine war oder wenn wir uns nicht bewegt hatten, in den Garten ist er erst, nachdem wir einen Teil mit Sichtschutzmatten abgeteilt hatten und es hatte 8 Monate Training und der Unterstützung zweier Hundetrainerinnen gebraucht, bis wir mit ihm die erste Gassirunde an der Leine machen konnten. Ich kann dir von Günther Bloch die DVD „Pizzahunde“ empfehlen. Anhand einer freilebenden Gruppe von Hunden erklärt und zeigt er, wie Hunde in einem Sozialverband ticken und miteinander kommunizieren.
    Jugendlicher mit Kapuze, Telmo kann es auch überhaupt nicht leiden, wenn Menschen ihr Gesicht verdecken. Das ist aber ein eigentlich sehr natürliches Verhalten. Hunde kommunizieren fast ausschließlich über die Körpersprache/Mimik. Kann er die bei einem Menschen nicht erkennen, kann er den Betreffenden nicht einschätzen, das verunsichert ihn und lässt ihn evtl. aggressiv reagieren. Wir haben inzwischen ein Buch über Telmo und unsere Reise mit ihm geschrieben, ich habe es Neele als PDF geschickt und ihr gesagt, dass sie es gerne an dich weiterleiten kann. Vielleicht hat sie es schon gemacht. Weiterhin viel Geduld, arbeitet weiter an der Bindung und gebt Lou Sicherheit aber hört auf keinen Fall auf dieses Dominanzgequatsche einiger Hundefachleute.

    • Hallo Christoph!
      Eure Geschichte klingt auch wirklich sehr interessant.
      Hut ab auch, dass ihr dran geblieben seid! Viele hätten ihn wieder abgegeben, denn mit dem Ausmaß hattet ihr ja trotz aller Vorbereitung auch nicht gerechnet.
      Bei uns ist das große Problem auch Angst und der dadurch bedingte Kontrollzwang. Nur verkriecht sich Lou nicht, sondern greift an um sich zu schützen. Das macht das ganze schwierig, weil so ein „agressiver“ Hund natürlich nicht sehe sympathisch erscheint und es auch wirklich ein Kraftaufwand ist.
      Einer, der sich verkriecht fällt halt weniger auf.
      Ich glaube, eure Trainer arbeiten teilweise sehr ähnlich wie unsere.
      Danke auch für den Tipp mit der DVD.
      Ich muss allerdings dazu sagen, dass wir inzwischen wirklich gut informiert sind- man wächst ja in alles immer weiter rein und wird ja schon quasi selbst fast zum Trainer, nur ohne Ausbildung – und an dem Konzept sdts festhalten. Es gibt bestimmt gute Konzepte, aber wir wollen nichts vermischen, da das dann nur wieder ein Durcheinander schafft. Werde daher nur sporadisch reinschauen.

      Bei Lou sind ist ja nicht nur die Kommunikation ein Problem (gewesen). Da sind viele Triebe (vermutlich) sehr gefördert worden, wie der Herz- und Beutetrieb z.B.. Daher unter anderem auch die Probleme mit Joggern, Radfahrern, etc.; alles, was sich schnell bewegt.

      Ich frage Neele mal nach der PDF; vielleicht machst du es ja aber auch mal öffentlich?! Interessiert bestimmt viele.

      LG
      Annika

  3. Respekt für euer Durchhaltevermögen.

    Diese „Ratschläge“ kenne ich auch gut. Auch sehr „hilfreich“ ist es, wenn Tiffi eine Panikattacke hat, ich sie aus einer Gefahrenzone (Straße o.ä.) zerre oder auch mal am Geschirr hebe und Leute (meistens die Panikauslöser) danebenstehen mit „Oh Gott… die hat ja Angst!“ oder „Der arme Hund. Was machen Sie da?“

    Was mache ich da? Das was nötig ist!

    Ich verstehe nicht, warum die Leute glauben, einem sagen zu müssen wie man mit meinem Hund umgehen soll.

    Aber da muss man wohl drüber stehen.

    Liebe Grüße,
    Karen und Tiffi

  4. Socke-nHalterin sagt

    Ich lese die Geschichte jeden Sonntag und ziehe meinen Hut vor so viele Mut, Kraft, Durchhaltevermögen. Ich gebe zu, dass ich das nicht könnte und auch nicht wollte. Ich wäre gänzlich überfordert und würde mich auch sehr einsam und isoliert vorkommen. Also wirklich meinen vollen Respekt.

    Viele liebe Grüße
    Sabine mit Socke

    • Ich freue mich, dass so viele an unserer Geschichte interessiert sind!
      Man muss einen gewissen Galgenhumor entwickeln. Trotzdem ist es natürlich nicht immer leicht und man ist auch immer mal genervt oder frustriert. Wären wir nicht zu zweit, so hätte ich vermutlich auch nicht die Nerven; so aber ist immer einer stark, wenn der andere gerade schwach ist. Und wenn man dann wieder Erfolge vermerkt, dann ist man für alles entschädigt und wieder voller Motivation.

      LG
      Annika , Sebastian und Lou

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