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Tierheim Hunde: Unser Leben mit „Problemhund“ Lou – Episode 9

Tierheim Hund

 

Lou ist wohl das, was landläufig als „Hund mit geringen Chancen auf ein Leben ausserhalb des Tierheimes“ bezeichnet wird. Die Prognosen „schwer vermittelbar“ bis „aussichtslos“ schienen auf seiner Stirn zu prangen. Einem jungen Rüden, der in seinem Leben nichts falsch gemacht hat, sondern einfach in die falschen Hände geraten ist, geben Annika und ihr Mann Sebastian eine zweite Chance.

Von Gastautorin Annika

*Fortsetzung* – Lest auch Episode 1, 2 und 3 und 4: Tierheim Hunde: Unser Leben mit „Problemhund“ Lou – Episode 1Episode 2Episode 3Episode 4Episode 5 und Episode 6, Episode 7 und 8.

Episode 9: Behörden die Dritte

So verging also die Zeit. Und wir blieben in dem Glauben, dass etwas Ruhe eingekehrt sei und mit den Nachbarn alles geklärt war. Zwar sah ich selbst die beiden Nachbarinnen immer nur aus der Ferne und konnte sie nie wirklich grüßen, weil ich mich entweder auf Lou konzentrieren musste oder sie einfach gerade nicht in meine Richtung sahen. Aber ich dachte mir nichts weiter dabei.

Eines Nachmittages war ich mit Lou draußen und wollte mit ihm auf das Feld hinter unserem Haus. Der Weg dorthin ist generell ganz gut einsehbar, führt jedoch um eine kleine Ecke, bei der es in seltenen Fällen passieren kann, dass gerade jemand dahinter abbiegt, ohne dass wir dies vorher absehen können. Leider geschah genau das an jenem Nachmittag. Ich befand mich noch am Anfang des Weges als unsere beiden Nachbarinnen mit ihrem Hund um die Ecke bogen. Und Lou sah sie schneller als ich und flitze mir zwischen den Beinen durch. Ich konnte ihn glücklicherweise gut ausbremsen ohne mich in den rutschigen Matschboden zu legen. Quasi fast im selben Moment begann ich auch schon Lou nach allen Möglichkeiten einzuschränken und wir bewegten uns gleichzeitig in die entgegengesetzte Richtung. – Da spürte ich einen Schmerz im Bein und schaute herunter; Lou trug seinen Maulkorb nur noch wie eine Kette um seinen Hals und hatte mir in einer Übersprungsreaktion ins Bein geschnappt. Der Maulkorb muss, wie auch immer, durch das Rutschen durch meine Beine abgerutscht sein und ich hatte es nicht gesehen.

Lou hat leider keine Standardschnauze und von Duzenden von bestellten Maulkörben hatten wir den Bestmöglichen ausgewählt. Dieser passte leider nur zu 90% und konnte an den Riemen nicht bombeneng gestellt werden, da ihm der Korb eh schon immer zu nah an den Augen hing. Im normalen Training hielt der Maulkorb, aber beim Rutschen durch die Beine mussten die fehlenden 10% Passgenauigkeit jetzt zum Verhängnis geworden sein. Hätte ich gesehen, dass er den Maulkorb nicht mehr richtig trägt, ich hätte ihn nicht auf diese Weise eingeschränkt und sein Übersprung hätte nicht mein Bein getroffen. Als ich dies gerade realisierte bekam Lou den nächsten Übersprung, da die Nachbarinnen gemütlich weiter mit ihrem Hund auf uns zu schlenderten, und Lou schnappte noch einmal in mein Bein. Erst jetzt konnte ich mich anders positionieren, damit ich nicht weiter in Lou´s Bahn geriet. Im Affekt schimpfte ich erst einmal wie wild mit Lou, hatte keine Möglichkeit die Nachbarinnen anzusprechen und zu bitten, einen Moment stehen zu bleiben. Ich versuche mit Lou den Rückzug anzutreten und die beiden Frauen kamen desweilen immer weiter den Weg entlang auf uns zu und gingen zu ihrer Wohnung.

Ich war tierisch geladen! Und nicht wegen Lou, sondern wegen der Nachbarinnen! Wie kann man einfach so weiter gehen? Es muss ja wirklich NIEMAND stehen bleiben oder den Weg ändern, nur weil WIR einen durchgeknallten Hund haben. Das würden wir nie von jemandem verlangen. Aber sagt einem nicht der gesunde Menschenverstand, dass wenn man sieht, dass ein Maulkorb nicht mehr sitzt und der Besitzer auch noch von dem Tier gebissen wird, UND man ja auch um die Geschichte des Tieres weiß, dass man DANN vielleicht einen kurzen Moment wartet, bis sich derjenige mit seinem Tier entfernen kann?!?!?! Zumal man das ja beim letzten Gespräch sogar noch zugesagt hatte.

Ich brachte Lou in die Wohnung zurück. Mein Bein war an den getroffenen Stellen leicht angeschwollen und sollte sich in den nächsten Tagen noch großflächig bunt färben; sehr schlimm war es glücklicherweise nicht. Lou machte ich keinen Vorwurf. Diese Situation KONNTE er einfach noch nicht meistern. Der andere Hund war viel zu nah und kam ja auch noch weiter auf uns zu. Mit etwas mehr Entfernung wäre das schon möglich gewesen, aber so nicht. Die Übersprungsreaktionen bekam er genau deswegen, weil der Hund zu nah war und ich ihn eingeschränkt hatte; Lou KONNTE das zu dem Zeitpunkt schlicht und ergreifend noch nicht aushalten. Und mein Bein war einfach gerade da, als er den Übersprung bekam; es war nicht zielgerichtet. Wütend war ich auf die Nachbarinnen. Und ich haderte mit mir, ob ich rüber gehen und was sagen sollte. Aber ich dachte mir immer wieder, dass ich mich bestimmt im Ton vergreifen würde, und das der Sache so auch nicht dienlich wäre, da wir in der Nachbarschaft ja sowieso schon einen nicht so leichten Stand haben.

Am Abend berichtete ich meinem Mann von der Sache, und auch wenn ich innerlich noch wütend war, wir ließen das Ganze so auf sich beruhen.
Die einzige Konsequenz die wir daraus zogen war, dass wir uns dazu entschieden viel teures Geld in einen maßangefertigten Maulkorb zu investieren, damit so eine Situation wirklich nicht mehr vorkommen konnte.

Zwei Tage nach diesem Vorfall fuhr ich nach der Arbeit mit Lou zu einem Geschäft, dass mit dem Hersteller der maßgefertigten Maulkörbe zusammenarbeitet, ließ Lou ausmessen und gab den Maulkorb in Auftrag. Als ich zu Hause ankam klebte eine Nachricht vom Ordnungsamt mit der Bitte um Rückruf an unserer Tür. Ich wusste direkt, worum es ging. Ich rief also die mir inzwischen gut bekannte Beamtin an, die mich auf einen Fall ansprach, in dem der Maulkorb verrutscht sei und ich sogar gebissen worden sei. Ah, wie schön, dass den Damen zumindest aufgefallen war, dass ich gebissen wurde! Ich schilderte das Geschehnis noch einmal und ebenso auch meine Wut über das Verhalten der beiden Frauen. Ich gab an, dass wir gerade eben einen anderen Maulkorb in Auftrag gegeben hatten. Die freundliche Beamtin gab mir in einem gewissen Sinne sogar Recht darin, dass die Beiden vielleicht auch ein kleines bisschen mitschuldig durch ihr Verhalten seien, wenn man das doch so schon sehen würde. Zumal als Grund für die Meldung immer wieder „Angst vor dem Hund“ und „Angst, dass der Hund sich losreißen könnte“ angegeben wird, der Hund aber ja prinzipiell einen Maulkorb trage und niemand – außer vielleicht ich selbst als Halter – zu Schaden gekommen sei. Bei so großer Angst würde man ja zum einen dann vielleicht auch nicht unbedingt weiter auf den Hund zugehen und zum anderen könne so etwas als Grund nicht geltend dafür gemacht werden, dass man verlangt, dass der Hund dem Halter entzogen wird. Mir wurde gesagt, dass ich daher vermutlich nicht mit weiteren Konsequenzen rechnen müsse, in gar keinem Fall jedoch mit einem Entzug des Tieres, was ja scheinbar Ziel dieser Meldungen sei, sie aber alles weiterkommunizieren müsste und schlussendlich nicht die entscheidende Instanz wäre.

An dieser Stelle folgt ein kleiner Einschub über unsere Enttäuschung über die Nachbarinnen:
Erneut wurde nichts unternommen, um mit uns zu sprechen. Der direkte Weg führte wieder einmal nur über einen Anruf beim Ordnungsamt. Vorausgegangen war ein Gespräch mit meinem Mann, in dem sie Verständnis und Hilfsbereitschaft heuchelten. – Wenn man doch so Angst vor dem Hund hat, dann geht man weder weiter auf so ein Tier zu, dass gerade ohne Maulkorb in das Bein seines Besitzers schnappt, noch bietet man an, mit seinem eigenen Hund üben zu dürfen. Wie mein Mann mir berichtete, hatten die beiden auch ihn schon seit dem Gespräch nicht mehr gegrüßt; leider auch sehr scheinheilig.

Ich will hier nicht die Angst verteufeln, wenn das hier dann plötzlich wirklich die treibende Kraft für alles sein soll. Ich weiß, dass Lou nicht einfach ist. Ich weiß, dass er angsteinflößend wirken kann und in bestimmten Situationen auch ohne Maulkorb wirklich gefährlich wäre. Ich verstehe, dass das Bellen und Ausrasten von Lou für die Nachbarn nervig sein kann. Ich weiß aber auch, dass Lou zunehmend besser wird, dass wir sämtliche Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, die uns möglich sind, dass wir so viel Rücksicht nehmen, wie es nur möglich ist, um gut mit den Nachbarn auszukommen und sie nicht zu verängstigen oder zu belästigen, und dass WIR im Vergleich zu anderen Hundehaltern in der Nachbarschaft wenigstens viel Geld und Arbeit in die Erziehung unseres Hund stecken, die manch andere völlig außer Acht lassen!

Nun aber zurück zum Ordnungsamt. An den zwei folgenden Tagen folgten weitere Anrufe, die abklären sollten, wie wir den Hund an der Leine führen, und schlussendlich die Entscheidung als Konsequenz aus diesem Ereignis. Welche leider nicht einfach mit „Der Fall ist erledigt“ beendigt wurde. Da in diesem Jahr bereits drei Meldungen beim Ordnungsamt eingegangen waren, wurde uns geraten einen Termin mit dem Amtsveterinär zur Begutachtung unseres Hundes zu machen, da wir dies sonst eh als Auflage bekämen.

Fortsetzung folgt am 3. Dezember. Verfolgt jeden Sonntag die Geschichte von Lou, dem Hund aus dem Tierheim.

 

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Hi, ich bin Neele, #Hundenärrin, #Hundemama, #Hundehaarmagnet, #Bücherwurm, #Textmaniac. Auf diesem Hundeblog schreibe ich über das Leben mit Hund. Im Hundeblog findet ihr Trends, Lustiges, Ernstes, Absurdes, Wissenswertes. Ich sage nur: Let the dogs rock the world!
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4 Kommentare

  1. Christoph sagt

    Die Nachbarinnen sind über Lou und seine Problematik informiert, sie sind sogar selbst Hundehalter und verhalten sich so wie Anika es beschreibt? Entweder beruht deren Verhalten auf Dummheit, Ignoranz oder es war sogar eine beabsichtigte Provokation. Wie auch immer, gerade Hundehalter mit ihrem (hoffentlich) vorhandenen Wissen über Hundeverhalten sollten überlegter, verantwortungsvoller und mit mehr Rücksicht handeln. Ich hoffe der Veterinär erkennt bei Schilderung des Vorfalls, dass Anika kein Vorwurf zu machen ist, auch sollte er wissen, dass Lous Fortschritte Zeit brauchen. Anika und ihr Mann machen was möglich ist, das sollte Anerkennung finden und unterstützt statt behindert werden. Meinen allergrößten Respekt haben sie.

    • ….Tja…Auch hier mal wieder eine Situation aus der man lernt, dass man Menschen nur VOR den Kopf schauen kann, egal was aus dem Mund heraus kommt….😞
      Jedenfalls gehen uns nicht so schnell die Geschichten aus 😜

  2. Hallo Menschin.
    Danke für die lieben Worte.
    Wir lassen uns nicht verunsichern; es ist manchmal niederschmetternd, aber für uns gibt es nur den Weg MIT Lou, als haben wir eh keine andere Alternative. 😀
    Wir gehen ja nicht mal wirklich „spazieren“, also richtige Spazierwege. Das heißt, die meisten Leute, die uns begegnen könnten, kennen auch die Hintergründe zu Lou und uns und unserem Training. Wären es unwissende Leute, hätte ich ja irgendwie noch mehr Verständnis dafür, wenn sie schlecht reden. Es weiß ja dann keiner, dass nicht WIR den Hund verdorben haben. Aber so ist es wirklich traurig, dass Menschen sich verschworen, weil sie wollen dass einem das Tier weggenommen wird. Mit nur „Gemurmel hinter unserem Rücken“ könnte ich mich noch ganz gut arrangieren. Wenn man leider noch richtig Ärger und Arbeit durch und mit denen bekommt, wird das Ganze wirklich schon schwierig.

    Ich finde es schön, dass du es so siehst, dass der ausweicht, der in der besseren Position ist. Leider ist das nicht die Mehrheit, die so denkt. Jeder zeigt lieber mit dem Finger auf andere und sieht sich im Vorrecht.
    Nach meiner Ansicht, hat jeder Hundehalter die Pflicht auf sein Tier zu achten, sei es, weil es „agressiv“ ist oder auch nur, weil ein „der tut nichts“ auf einen „der tut was “ zuläuft. Auch hier müssen Halter ihre Hunde im Blick haben. Dennoch bin ich gerne bereit mit meinem schwierigen Tier zurückzuschicken, schließlich stört mein Tier ja den entspannten Rundgang, den die anderen hätten.
    Ich würde mir einfach nur den Einsatz von gesundem Menschenverstand und der Fähigkeit miteinander zu reden wünschen.
    Naja. Jeder wird das aus seiner Perspektive anders bewerten.
    Es ist halt schade, da solche Menschen einem Tier, dass eigentlich eh keine Hoffnung auf eine Chance hatte , seine einzige und letzte „Joker-Chance“ zunichte machen wollen.

    Wir geben nicht auf!

  3. Als ich letzten Herbst offiziell machte, dass ich mir einem Hund aus dem Tierschutz holen wolle, fragten mich viele Leute, warum ich mir sowas bloß antun wolle. Die Vorurteile waren vielseitig.

    Ich habe Glück, da Tiffis Macken „sozialkompatibel“ sind. Sie ist unterwürfig, bellt selten und bei unangenehmem Hundekontakt wirft sie sich schreiend auf den Boden, statt auf den anderen Hund zuzugehen.

    Wir treffen immer mal wieder auf Hunde, die eher wie Lou reagieren. Ich würde nie auf die Idee kommen, in einer solchen Situation wie beschrieben einfach weiter auf den Hund zuzugehen.

    Morgens treffe ich oft auf einen Mann mit Husky und Labrador. Beide Hunde fühlen sich durch Tiffis Unterwürfigkeit zu Dominanzgehabe herausgefordert. Trotzdem hatten wir noch nie Probleme miteinander. Wer in der besseren Position ist, weicht aus und lässt die andere Partei passieren. Wenn wir es schaffen, werfen wir und noch ein knappes „Morgen!“ zu.

    Deine Enttäuschung über die Nachbarinnen kann ich so gut verstehen. Ich finde es schon verletzend, dass einige aus der Nachbarschaft sich zumurmeln: „Das ist die mit dem gestörten Hund… da musst du deinen jetzt rufen.“ weil ich eben oft darum bitte, dass der Hund abgerufen oder angeleint wird, wenn er auf Tiffi zuläuft.

    Ich finde, dass ihr großartige Arbeit mit Lou leistet. Bitte lasst euch von diesen Erlebnissen nicht in eurer Überzeugung verunsichern.

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