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Tierheim Hunde: Unser Leben mit „Problemhund“ Lou – Episode 5

Tierheim Hund

 

Lou ist wohl das, was landläufig als „Hund mit geringen Chancen auf ein Leben ausserhalb des Tierheimes“ bezeichnet wird. Die Prognosen „schwer vermittelbar“ bis „aussichtslos“ schienen auf seiner Stirn zu prangen. Einem jungen Rüden, der in seinem Leben nichts falsch gemacht hat, sondern einfach in die falschen Hände geraten ist, geben Annika und ihr Mann Sebastian eine zweite Chance.

Von Gastautorin Annika

*Fortsetzung* – Lest auch Episode 1, 2 und 3 und 4: Tierheim Hunde: Unser Leben mit „Problemhund“ Lou – Episode 1 und Episode 2 und Episode 3 und Episode 4.

Von Blessuren und Kompromissen

Als erstes sei hier gesagt, natürlich verändert die Anschaffung eines jeden Tieres das eigene Leben! Insbesondere wenn es ein Tier ist, dass frei mit in der Wohnung und nicht nur in einem Käfig gehalten wird. Vor der Anschaffung eines Tieres sollte man sich immer darüber bewusst sein, dass man sein Leben ändern muss, dass man Kompromisse eingehen muss. Bei der Anschaffung eines „Problemhundes“ hängt das Wort „Kompromisse“ immer begleitend über dieser Mensch-Hund-Beziehung. Zumindest so lange, bis das Tier rehabilitiert ist. Und diesen Zeitraum sollte man nicht unterschätzen.

Was hat sich in unserem Leben geändert?

  • Ein Hund muss mehrmals am Tag raus, um sein Geschäft zu verrichten. Idealerweise soll er sich auch etwas bewegen. Was bei einem Hund wie Lou nur bedingt möglich ist. Man kann ihn nicht locker an der langen Leine herumtollen lassen. Nach 20 Minuten draußen ist er geistig eigentlich schon überfordert. Idealerweise versucht man den körperlichen Teil in seinen Maßen umzusetzen und den fehlenden Teil über geistige Arbeit – LERNEN LERNEN LERNEN – auszugleichen. Für Lou ist der gesamte Alltag eine Phase des Lernens. Dementsprechend viel schläft er seinen Geist zwischenzeitlich auch aus.
  • Ich bin seit Jahren eine leidenschaftliche Outdoor-Frau und wandere viel im Wald. Auch hier musste ich einen Kompromiss eingehen. Zur Zeit beschränkt sich das Rausgehen leider meistens auf die Runden mit Lou; denn NOCH sind Waldspaziergänge nicht möglich und zeitlich komme ich ohne ihn kaum raus.
  • Ausschlafen war gestern. Unser Lou ist glücklicherweise ein Morgenmuffel; ab 9 oder 10 Uhr ist die Nacht aber in jedem Fall zu Ende.
  • Ein chillliger Feierabend war ebenfalls gestern. Ist der Hauptjob beendet, ruft nicht mehr das Sofa. Jetzt möchte und braucht der Hund erst einmal Aufmerksamkeit und ein bisschen geistige Auslastung, sprich LERNEN!
  • Das Wohnungsinventar und die Ordnung haben sich verändert. Decken liegen auf Couch und Bett. Lebensmittel stehen nicht offen in Schnauzenhöhe. Im Fellwechsel finden sich überall Haare auf dem Boden und vom Wassernapf führt eine siffige Tropfspur weg… Eine gute Reabilitation für Ordnungs- und Sauberkeitsfanatiker.
  • Kinder können zur Zeit nicht zu uns zu Besuch kommen. Ebenso können wir Lou nirgends mit hinnehmen, wo Kinder sind. Das ist manchmal nicht leicht zu organisieren.
  • Zeitlich ist man viel unflexibler. Man muss immer planen, wie lange man weg ist, so dass der Hund alleine zu Hause bleiben kann, oder wo und wie man ihn mitnehmen kann.
  • Auf den Bereich Urlaub bin ich bereits eingegangen. Urlaubsorte und -gestaltung müssen dem Hund angepasst werden.
  • Kaum Privatsphäre. Da Lou alles kontrollieren muss, rennt er ständig hinter einem her, will überall dabei sein und steckt überall seine Nase hinein. Wir haben dieses Problem inzwischen gut im Griff und Lou kann auf seiner Decke liegen bleiben, wenn wir in der Wohnung rumwerkeln oder auch mal das Zimmer wechseln. Das hat jedoch gute sechs bis sieben Monate gedauert. Von Zweisamkeit auf dem Sofa durften wir uns auch eine gute Zeit verabschieden. Dies wurde anfangs von dem bereits beschriebenen Kampf um Schuhe und Flaschen abgelöst und auch danach mussten wir uns immer wieder vor ihm behaupten, dass er nichts bei uns zu suchen hat, wenn wir das nicht wollen. Bis man das Ganze durchgesetzt hatte, war dann meist Schlafenszeit. Inzwischen können wir wieder zusammen auf dem Sofa liegen. Natürlich testet Lou das Ganze immer mal wieder aus, aber er weiß inzwischen schnell, dass er keine Chance hat.

Blessuren

Wer sich einen „Problemhund“ anschafft, sollte vielleicht nicht immer eitel und manchmal auch hart im Nehmen sein. Die ein oder andere Blessur trägt man schon davon. Das für mich furchtbarste war die Zeit im Tierheim. Lou nahm die Leckerchen zu dieser Zeit noch so gierig aus der Hand… alle meine Fingernägel brachen ab und meine Nagelhaut war total rissig. Das ist prinzipiell kein Weltuntergang für mich – ich wünschte mir nur für unsere Hochzeit Ende Juni schöne Fingernägel und stattdessen hatte ich Stummel. Nur mit viel Mühe schaffte ich es meine Nägel bis zur Hochzeit wieder auf eine zumindest normale Länge zu züchten und zu erhalten.

Tierheim Hunde

Eine zeitlang dachten die Teilnehmer aus meinen Fitnesskursen, ich würde misshandelt, weil meine Unter- und Oberschenkel mit blauen Flecken übersät waren. Was aber vom Training mit Lou kam und zudem daran lag, dass Lou seinen Maulkorb gerne mal gegen unsere Beine schlug.

Zudem hatte ich eine Oberschenkelzerrung durch die ewig gleiche Bewegung beim Leinen-Training, eine Oberschenkelprellung, weil ich mich im Rahmen eines Ausflippens mit Lou langgelegt hatte, und einen dicken, blauen Finger, weil ich reflexartig versuchte Lou einen Schoko-Nikolaus aus dem Maul zu nehmen (er biss nicht, aber der Zahn beim Schnappen schlug auf dem Nagel auf; wie ein Hammerschlag).

Ähnlich erging es meinem Mann. Mit dem Hund über den Boden kugeln und blaue Flecke waren an der Tagesordnung. Inzwischen gibt es sicherlich immer mal Blessuren; die große Menge an blauen Flecken und die kaputten Fingernägel gehören inzwischen jedoch der Vergangenheit an.

Fortsetzung folgt am 30. Juli. Verfolgt jeden Sonntag die Geschichte von Lou, dem Hund aus dem Tierheim.

 

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Hi, ich bin Neele, #Hundenärrin, #Hundemama, #Hundehaarmagnet, #Bücherwurm, #Textmaniac. Auf diesem Hundeblog schreibe ich über das Leben mit Hund. Im Hundeblog findet ihr Trends, Lustiges, Ernstes, Absurdes, Wissenswertes. Ich sage nur: Let the dogs rock the world!
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3 Kommentare

  1. Liebe Annika, Sebastian und Lou!
    Auch wenn es schwierig ist, man erlebt Rückschläge und glaubt es niemals zu schaffen, aber dann gibt es diese kleinen Momente. Diese Momente des Glücks, wenn etwas perfekt klappt, eine Begegnung ohne Ausraster gemeistert wird. Diese Momente muss man sich bewahren und wenn alles schief geht, diese hervorholen und sich daran erinnern, was man alles geschafft hat.
    Ihr habt großartige Fortschritte gemacht. Ich weiß, wie verrückt meine kleine Bestie manchmal ist und wenn sie dann friedlich an einem anderen Hund vorbei geht, dann könnte ich schweben vor Glück.

    Flauschige Grüße

    Sandra & Shiva

  2. Hallo Yvonne!

    Es freut mich zu hören, dass dir unsere Geschichte gefällt und du sie verfolgt hast.
    Bald wird Neele hier noch weitere unserer Erlebnisse veröffentlichen; wie du schon sagst, das ist keine Aufgabe für ein paar Monate. Wir haben Lou inzwischen 1 1/4 Jahr und es wird weiterhin dauern. Dessen waren und sind wir uns aber immer bewusst gewesen.
    Lou wird nie ein „normaler“ Hund sein. Dafür ist er zu „alt“ und hat zu lange nichts (kennen) gelernt. Aber er wird führbar werden. Und das ist unser Ziel!
    Normale Hundetrainer sind leider häufig mit solchen extrem gestörten Tieren überfordert. Die können vielleicht zwei Probleme irgendwie gerade biegen, aber wenn Tieren eine komplette Basis fehlt, dann wissen auch sie nicht weiter. Man braucht erfahrene Fachleute und wir haben das Glück direkt an so jemanden geraten zu sein.

    Es freut mich, dass auch bei dir ein armes Tier eine Chance bekommen hat und dass ihr inzwischen schon so gute Fortschritte vermelden könnt!!!!
    Weiterhin viel Erfolg!

    Liebe Grüße
    Annika, Sebastian und Lou

  3. Yvonne sagt

    Liebe Annika und Sebastian
    Ich bin per Zufall auf Eure Geschichte gestossen die unserer sehr ähnlich ist.
    Wir haben seit 2 1/2 Jahren einen Strassenhund aus Portugal der ca. 2 Jahre alt war
    als er zu uns kam.
    Annika Du sprichts mir aus dem Herzen. Wie Du, war ich nahezu ab verzweifeln.
    Chili sein Name war so wie Du Lou beschrieben hast. Er war unsicher allem und jedem
    gegenüber. Nach vielen, vielen Stunden Training und Geduld sind wir nun doch so weit
    dass wir mit ihm im Wald spazieren gehen können, dass er keine Spaziergänger, Jogger,
    Bikes, Autobusse, Mopeds und was sich sonst noch so bewegt meint anfallen zu müssen.
    Nur Hundebegegnungen sind nach wie vor schwer auszuhalten. Auch daran arbeiten wir
    täglich. Wenn ich zurückdenke bin ich Stolz auf Chili und das was wir erreicht haben.
    Es ist mir ein Anliegen anderen Mut zu machen aber auch darauf hinzuweisen dass
    ein „Problemhund“ nicht innert ein paar Monaten zu einem ruhigen Begleiter wird.
    Die ersten Hundetrainer wollten uns genau das weiss machen.. Weit gefehlt… Ich habe lange Zeit an mir und meinen Fähigkeiten gezweifelt obwohl ich vor Chili 16 Jahre einen Hund hatte.
    Wir arbeiten nach wie vor daran und haben nicht aufgegeben.
    Ich werde Eure Geschichte gerne weiter verfolgen.
    Liebe Grüsse Yvonne

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