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Tierheim Hunde: Unser Leben mit „Problemhund“ Lou

Tierheim Hund

 

Lou ist wohl das, was landläufig als „Hund mit geringen Chancen auf ein Leben ausserhalb des Tierheimes“ bezeichnet wird. Die Prognosen „schwer vermittelbar“ bis „aussichtslos“ schienen auf seiner Stirn zu prangen. Einem jungen Rüden, der in seinem Leben nichts falsch gemacht hat, sondern einfach in die falschen Hände geraten ist, geben Annika und ihr Mann Sebastian eine zweite Chance.

Lest ab sofort jede Woche auf dem Fiffibene Hundeblog, wie Lou sich Schritt für Schritt mit viel Geduld, Herz, Nervenstärke und Ausdauer vom „Problemhund“ zum Familienhund entwickelt, welche Hürden Annika und Sebastian fast täglich nehmen müssen (von hysterischen Nachbarn, Hundebesitzern ohne Verstand, persönlichen Einschränkungen und dem Ärger mit Behörden und der Polizei) und warum es sich immer lohnt der Aufforderung „adopt, don´t shop“ zu folgen.

Von Gastautorin Annika

Ich möchte hier über die letzten Monate unseres Lebens berichten; über die Zeit seit „Problemhund“ Lou (4) bei uns lebt. Uns, das sind mein Mann Sebastian (38) und ich, Annika (35). Zunächst einmal stellt sich die Frage, was mit dem Begriff „Problemhund“ gemeint ist. Umgangssprachlich sind damit die Hunde gemeint, die nicht so funktionieren, wie wir Menschen uns das vorstellen. Beschäftigt man sich nur ein bisschen mit Tieren, in diesem Fall Hunden, so sollte man bald zu der Erkenntnis kommen, dass diese immer nur so gut „funktionieren“ können, wie ihr Mensch es ihnen vermittelt. Kurz gesagt, das Problem ist eigentlich nicht der Hund, sondern der Mensch. Der Begriff „Problemhund“ ist also eigentlich falsch gewählt.

Seit Anfang Juni 2016 lebt nun eben so ein „Problemhund“ bei uns. Und ich möchte ein wenig über unsere Geschichte, unser Leben, über Lou, unsere schönen, lustigen und weniger schönen Erfahrungen berichten. Vielleicht macht es anderen Menschen ein wenig Mut, vielleicht trägt es dazu bei, dass ein weiterer „Problemhund“ in irgendeinem Tierheim auf der Welt ein neues Zuhause findet, weil sich jemand dazu entschließt sich dieser großen Aufgabe zu stellen.

Episode 1: Wie die Jungfrau zum Hunde

Für meinen Mann und mich war schon immer klar, irgendwann wollten wir einen Hund haben. Allerdings stand diese Anschaffung in unserer Lebensplanung eigentlich noch ein wenig weiter in der Zukunft. Fest stand aber immer – und so sehr mein Herz für sämtliche Hunderassen schlägt – es sollte ein „richtiger“ Hund sein, also groß. Und da ich es nicht einsah, einen Haufen Geld für irgendeinen Welpen auszugeben, wo doch so viele Hunde in den Tierheimen sitzen, stellte ich direkt klar, dass wir im eintretenden Fall einem Tierheim-Hund ein Zuhause geben würden. Da mein Mann, ebenso wie ich, schon in der Kindheit alles anschleppte, was er heimatlos irgendwo gefunden hatte, stieß ich hier auf direkte Zustimmung.

Nun, Anfang 2016 fing mein Mann mal wieder, und diesmal konkreter, mit dem Hundewunsch an. Für mich passte der Hund eigentlich noch gar nicht in unsere Lebensplanung. Als er begann in das Tierheim der Nachbarstadt zu stiefeln und sich Tiere anzusehen, hielt ich vehement dagegen, dass dies eh nur Zeitverschwendung wäre, weil wir jetzt noch keinen Hund bekommen würden! Und dass ich auf keinen Fall mitkommen würde, weil ich genau wüsste, dass ich dann alles würde mitnehmen wollen! Daran hielt ich mich auch. Und mein Mann hielt an seinen Tierheimbesuchen fest. Besuche, bei denen er zufällig auch unsere heutige Hundetherapeutin kennenlernte. Eine ausschlaggebende Begegnung für die Anschaffung unseres Hundes, auf die ich im Verlauf noch weiter eingehen werde.

Jedenfalls erzählte und zeigte sie ihm vieles über Hundeerziehung bzw. -therapie bei seinen wöchentlichen Tierheimbesuchen. Ich versuchte indes zu Hause weiter desinteressiert zu bleiben. Da wir fußläufig nicht weit vom Tierheim unseres Wohnortes entfernt wohnen …hach, was soll ich sagen?! Ich wurde mit einem Sonntagsspaziergang geködert und wurde weich, so dass ich eines schönen Sonntages im März mit meinem Mann im Tierheim landete. Lou war direkt im dritten Zwinger des Rundganges untergebracht und ging wild bellend und zähnefletschend an den Gitterstäben hoch. Die Besucher machten alle einen schnellen Bogen um ihn. Wir blieben stehen. Und mit der Zeit beruhigte er sich. Wir beschäftigten uns ein wenig mit ihm.

Tierheimhunde

Mein Mann erkundigte sich später beim Personal über Lous Vorgeschichte. Er wurde im Februar 2016 von einem Pärchen abgegeben. Angeblich aus Zeitmangel und Überforderung. Lou war zum Abgabezeitpunkt abgemagert und so verfloht, dass er kein Fell mehr am Rücken hatte. Die Angaben über Charakter und Fähigkeiten stellten sich im Tierheim nach und nach als zu 80% gelogen heraus. Vielmehr berichtete das Personal über Schnappen nach der Hand beim Anfassen am Halsband und ähnlichen Dingen.

Gegen meine Einwilligung ließ mein Mann uns „ja nur ganz unverbindlich“ als Interessenten für Lou *schockschwerenot* eintragen. Kurze Zeit später hatten wir einen Termin, bei dem wir Lou einmal mit dem Tierheimpersonal zusammen im Auslauf begegnen konnten. Was darauf folgte waren Besuche fünf bis sechsmal in der Woche von mindestens einem von uns beiden, bei denen wir ihn kennenlernten und mit ihm bereits Blickkontakt und Leinenakzeptanz übten.

Hier muss ich einwerfen, dass ich in dieser Zeit dann auch die Hundetherapeutin kennenlernte, die insbesondere auf „Problemhunde“ spezialisiert ist. Ich muss gestehen, es fiel mir anfänglich schwer, mich auf manche Infos von ihr einzulassen. Vieles war so anders als all das, was ich in meinem Leben über Hunde gelernt hatte. Und vor allem war es ernüchternd: Wer hört schon gerne, dass der Hund sich nicht aus Liebe an einen kuschelt, sondern weil er den Menschen beansprucht?… Aber sie demonstrierte und erläuterte uns viel an den Tieren, lieh uns DVDs und Bücher, hat selbst einen Hund aus der Tötungsstation für unvermittelbare Hunde. Und als ich schließlich bereit dazu war mein Steinzeitwissen abzulegen, verschlang ich sämtliche Bücher und Infos zu dieser Form der Hundeerziehung und -Therapie! Das war alles so logisch, das war alles so tierisch! Weg vom menschlichen Denken, rein ins tierische Instinktdenken.
(Wer mehr darüber wissen möchte: sdts (= speechless dog training system), Hundeerziehung ohne Stress, Gewalt/Strafe, Hilfsmittel; click)

Nun ja, die Hundetherapeutin nahmen wir an einem Tag ebenfalls für eine Trainings- und Beurteilungsstunde mit ins Tierheim unseres Wohnortes. Hätte mein Mann die Hundetherapeutin damals nicht zufällig kennengelernt, wir hätten uns niemals zugetraut so einen Hund zu uns zu nehmen!

Hier ist nun die Stelle, an der ich vielleicht erstmal ausführen sollte, was Lou alles zu Tage legt, oder besser gesagt, was er nicht kann. Die Antwortet lautet: Alles! Lou hat einen Kontrollzwang. Er ist schrecklich unsicher, was seine Umgebung und IN seiner Umgebung betrifft. Mit der Nase ist er ständig am Boden, um alles zu kontrollieren oder er schaut gestresst in sämtliche Richtungen, um immer auf der Hut zu sein vor dem, was passieren könnte, er rast ziehend an der Leine in sämtliche Richtungen, alles, was ihm Angst macht (Fußgänger, Kinder, Fahrradfahrer, Rollerfahrer, Motorradfahrer, Jogger, Hunde und andere Tiere, Kinderwagen, Rollatoren etc.) will er angreifen, weil er sich aus Angst schützen möchte. Spaziergänge scheint er nicht zu kennen. Ebenso nicht die Leine, welche zerrenderweise abgelehnt wird. Wenn wir ihn anfassen, um ihm sein Halsband anzulegen oder seine Pfoten abzuputzen, hampelt er und schnappt. Bewegungen wie Betten aufschütteln oder Tanzen (ich gebe nebenher Fitnesskurse und muss Choreographien üben) machen ihm ebenfalls Angst und er reagiert mit einem Angriff. Selbst auf den Fernseher geht er los, wenn er Fußball, Fahrräder, Jogger etc. sieht; so auch bei sämtlichen Tieren im Fernsehen, selbst wenn es Phantasie- Zeichentrickfiguren sind.

Tierheimhunde

Lebewesen attackiert Lou selbst dann, wenn sie nur im TV existieren.

Lou hat nie gelernt Verantwortung und Kontrolle an den Menschen abzugeben. Er war vermutlich immer auf sich allein gestellt; eventuell wurde er auch geschlagen. Dadurch blendet er den Menschen komplett aus, würdigt ihn keines Blickes, und ist immer nur in Lauerposition, um sich im Falle des Falles schützen zu können. Soweit zu Lou.

Ende Mai dann folgte im Tierheim die etwas neckisch gemeinte Frage: „Wann nehmt ihr ihn mit?“ BUMM! … Nehmen wir ihn wirklich? Schaffen wir das? Lässt sich das alles mit unserem Arbeitsalltag koordinieren? Nach etwas Grübeln, Organisieren und Abwägen zog Lou bei uns ein. Mein Mann hatte Anfang Juni Urlaub, ich war eh schon seit drei Monaten verliebt in Lou….

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Fortsetzung folgt am 2. Juli. Verfolgt jeden Sonntag die Geschichte von Lou, dem Hund aus dem Tierheim.

 

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Neele
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Hi, ich bin Neele, #Hundenärrin, #Hundemama, #Hundehaarmagnet, #Bücherwurm, #Textmaniac. Auf diesem Hundeblog schreibe ich über das Leben mit Hund. Im Hundeblog findet ihr Trends, Lustiges, Ernstes, Absurdes, Wissenswertes. Ich sage nur: Let the dogs rock the world!
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8 Kommentare

  1. Pingback: Ricas Runde um den Blog #8 - Lesetipps Monat Juni - Ricas Dogblog

  2. Christoph sagt

    Hi Nele, ein Beitrag den ich mit Sicherheit weiter verfolgen werde. Ich kann sehr gut nachvollziehen was es bedeutet wenn ein ängstlicher Hund in die Familie einzieht. 2013 ist Telmo, ein Angsthund aus dem spanischen Tierschutz bei uns eingezogen. Wir hatten und ganz bewusst für ihn entschieden weil wir einen Hund wollten, der es eher schwer hat vermittelt zu werden. Wir wussten das eine ängstliche Fellnase kommen würde aber nicht, dass es ein Angsthund war. Wir haben erlebt, dass es ein sehr großer Unterschied ist. 8 Monate haben wir mit Unterstützung zweier Hundetrainerinnen gebraucht, bis die Leine bei Telmo keine Panik mehr ausgelöst hatte und wir den ersten Spaziergang mit ihm machen konnten. Zwei Sätze unserer Trainerinnen werden wir nie vergessen, „Ihr bestimmt den Weg, Telmo das Tempo“ und „Ihr müsst euch ganz auf Telmo einlassen, versucht ein wenig mehr Hund und etwas weniger Mensch zu sein, das wird es euch und ihm einfacher machen“. Beide Sätze haben sich absolut zutreffend herausgestellt. Wir wissen inzwischen Telmo war genau der richtige Hund für uns und ich bin sicher, Annika es von Lou jetzt schon oder in ein paar Wochen/Monaten wissen.
    Ich schicke ein Mail an deine Kontaktadresse, im Anhang findest du ein PDF von unserer Reise mit einem Angsthund. Du kannst es gerne an Annika weiterleiten, vielleicht erkennt sie Lou in einigen Punkten wieder, vielleicht findet sie sogar ein paar Tipps.
    Herzliche Grüße, Christoph

    • Lieber Christoph, Chapeaux und ich hoffe, dass eure Reise weiterhin so gut verläuft – mit eurer Unterstützung und in Telmos Tempo. Magst du uns deine Geschichte auch hier auf dem Blog erzählen? Ich bin mir sicher, dass eure Erfahrungen vielen anderen Mut machen.
      Liebste Grüße
      Wilam & Neele

      • christoph sagt

        Hallo Neele, gerne kann ich bei Gelegenheit hier von unserer Reise mit Telmo erzählen. Bisher verläuft sie tatsächlich gut, falls gut überhaupt der richtige Ausdruck ist. Es ist eine Mischung aus Entdeckungs- und emotionaler Erlebnisreise die wir auf keinen Fall missen wollen. Wir erleben und entdecken Telmo immer wieder ein Stück mehr und oft erstaunen uns seine Instinkte. Es sind im Übrigen Instinkte die typisch für Hunde sind, die unter ähnlichen Umständen wie er oder als Straßenhund gelebt haben. Du schreibst von Mut machen, ich glaube nicht dass man Mut braucht. Wenn man etwas braucht ist es die Bereitschaft sich auf einen Hund einzulassen, man braucht Geduld da man sich seinem Tempo anpassen muss und wenn ich an Problemhund Lou und unsere eigenen Erfahrungen denke, man braucht (oder lernt) Gelassenheit gegenüber vielen Mitbürgern die sich nicht selten für hervorragende Hundeprofis halten nur weil sie vielleicht ein oder zwei Folgen eines Hundeflüsterers gesehen haben. Da ist aber im Vergleich zu dem was man bekommt wenig. Durch die Probleme deines Hundes lernst du, du lernst zuerst ihn und seine Reaktionen zu beobachten, danach lernst du zu beobachten wie und womit du sein Verhalten beeinflussen kannst, anschließend lernst du dein Verhalten gezielt einzusetzen und wirst beobachten können, dein Hund kommuniziert mit dir. Daraus entwickelt sich Vertrauen, gegenseitiges Vertrauen und im Endeffekt wirst du dann an einem Punkt sein, von dem andere Hundehalter lediglich glauben ihn erreicht zu haben. Auch Annika wird an diesen Punkt kommen und ich bin mir sicher, sie wird irgendwann sagen, es war gut nicht irgendeinen Hund sondern Lou mit all seinen Problemen ein Heim gegeben zu haben.

        • Dem kann ich voll und ganz zustimmen, Christoph!
          Man lernt daran – über seinen Hund und auch über sich selbst!
          Nichts desto trotz ist es nicht immer einfach und man muss wirklich bereit sein sich auf den Hund einzulassen und sich seinem Stand anzupassen; was auch mit Einschränkungen verbunden ist.
          Trotz allem hat Lou unser Leben bereits in vielen Bereichen bereichert und wir können uns keinen anderen Hund in unserer Wohnung vorstellen!
          Ich wäre jedenfalls sehr an eurer Geschichte interessiert.😊

    • „Versucht ein wenig mehr Hund und weniger Mensch zu sein“. Absolut top! Das ist auch das Grundprinzip unserer Konzeptes.
      Es freut mich, dass ihr Telmo eine Chance gegeben habt!
      Lou ist zwar eine Großbaustelle, aber wir sind sicher, dass auch wir unser Ziel erreichen werden!

  3. Wow. Ich bin gespannt wie Lous Geschichte weiterging. Ich habe selber einen Problemhund (wenn auch mit recht gesellschaftskompatiblen Macken) und kenne dieses Gefühl des „schaffe ich das wirklich?“ und „worauf habe ich mich da eingelassen?“ sehr gut.

    Grüße,
    Karen mit Tiffi

    • Liebe Karen, ich finde es immer wieder bewundernswert und hoffe so sehr, dass auch ihr immer wieder Mut fasst und genug Energie habt, für euren Schatz zu sorgen.

      Ganz liebe Grüße
      Wili & Neele

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